Univativ-Buchkritik: Lest Linus!
Ausprobiert

Univativ-Buchkritik: Lest Linus!

An einem Tag im Oktober 2017 ändert sich Linus Gieses Leben grundlegend. In einer bekannten Kaffeehauskette bestellt er einen Pumpkin Spice Latte mit Sahne und einem extra Schuss Kaffee, als ihn der Barista nach seinem Namen fragt. Seine Antwort: „Linus“. Ein Foto des Kaffeebechers mit diesem Namen postet er wenig später bei Facebook – sein erstes Coming-out als trans Mann.

Eine stilisierte Version dieses Kaffeebechers ziert jetzt das Cover seines Debütromans: „Ich bin Linus“. Linus Giese ist Blogger, Journalist, Buchhändler – und nun auch Autor. In seinem autobiographischen Buch beschreibt er seine Transition – also den Prozess, in dem er bestimmte soziale und körperliche Merkmale an seine Identität als trans Mann angleicht. Eindrücklich erzählt er davon, wie sich sein Leben veränderte, nachdem er als Mann und trans Person sichtbar wurde. Er berichtet von beschämenden Arztbesuchen, bürokratischen Hürden, digitaler Gewalt und Selbstzweifeln, aber auch von einer zweiten Pubertät, neuen Freundschaften, Solidarität und Liebe. Er schreibt davon, wie viel Macht unsere Sprache hat und gibt einen lehrreichen Exkurs darüber, wie man sensibel und angemessen von und mit trans Personen spricht.

Ein Appell für mehr Solidarität

Ein Aspekt seiner Sichtbarkeit als trans Mann, der über seine Transition schreibt und bloggt, ist leider auch der Hass. Hass im Netz und Hass im analogen Leben. Menschen, die ihn beleidigen, bedrohen und nicht davor zurückschrecken bei ihm zu Hause oder auf seiner Arbeitsstelle aufzutauchen. Offen beschreibt Linus wie er sich wochenlang nicht traut in seine Wohnung zurückzukehren, bei Freund*innen unterkommen und sogar seinen Arbeitsplatz wechseln muss. Es schockiert zu lesen mit welchen Anfeindungen trans Personen oft konfrontiert werden, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigen. In diesem Sinne ist Linus Buch ein Appell an uns alle. Ein Appell an die Mehrheitsgesellschaft sich mit marginalisierten Minderheiten zu solidarisieren und Haltung zu zeigen.

Eine Suche nach Identität

„Ich bin Linus“ ist auch das Zeugnis einer Suche nach Identität. Das Buch zeigt, die Suche nach dem eigenen Selbst kann schwierig und langwierig sein. Jahrelang kämpfte Linus Giese gegen das Gefühl an, sich im eigenen Körper fremd zu fühlen. Auch weil ihm Begriffe wie trans, nichtbinär oder genderqueer fehlten, dauerte es einunddreißig Jahre bis er sich dazu bekennt, ein trans Mann zu sein. Das Leben zu führen, das er führen möchte, macht ihn nun freier und glücklicher. So teilt Linus seine Lebensgeschichte heute in ein Davor und ein Danach.

Lest Linus!

„Ich bin Linus“ ist ein wichtiges Buch und ein Muss für jede*n, der*die über den eigenen Tellerrand blicken und mehr über genderqueeres Leben erfahren möchte. Es ist eines der sehr wenigen Bücher aus der Perspektive einer trans Person und damit unentbehrlich für die Repräsentanz von Menschen, die heute in der cis-normativen Mehrheitsgesellschaft noch viel zu wenig gesehen und gehört werden. Wir brauchen mehr Menschen wie Linus. Wir brauchen mehr queere und nichtbinäre Persönlichkeiten, die sich trauen zu sagen: „Hier bin ich. Schaut mich an.“ In diesem Sinne: Traut euch. Zeigt euch. Und: Lest Linus!


Linus Giese: Ich bin Linus – Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war

Rowohlt Polaris, 2020

224 Seiten, 15 Euro

Ich bin Linus (c) Rowohlt Verlag
(c) Rowohlt Verlag

Titelbild: (c) Annette Etges/Rowohlt Verlag

23. Oktober 2020

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Lena Gröbe


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