Wann hast du das letzte Mal die Perspektive gewechselt?

Der zweiwöchentliche Poetry Slam-Text zu Gedanken und Problemen, die viele von uns im Alltag beschäftigen.

Marie hat gestern Abend, während sie auf der Wiese saß, umrundet von Chips, billigem Bier und dummen Gerede, über unwitzige Witze gelacht, und dabei einfach gedacht: „Was ist, wenn ich mich jetzt gleich doch schon verabschiede?“. Dann säße sie nicht mehr im nassen Gras, weil die Picknickdecke vergessen wurde, dann hätte sie zuhause noch Zeit für eine Serie, irgendeine absurde, weil sie gerade darauf Lust hat mal abzuschalten, und sich den Abend alleine nett zu machen, und dann doch mit Greta zu diskutieren, die nächste Klausur zu schieben, aber Marie ist trotz dieser Gedankengänge, den ganzen Abend geblieben.

Greta hat gerade sehr viel um die Ohren, mit Uni, Klavier und Handball, schafft sie es kaum zuzuhören, bei den Vorträgen der Professor:innen. Und heute Morgen könnte sie schwören, sahen ihre Augenringe noch schlimmer aus als letzte Woche, weil der Schlaf mal wieder zu kurz kam, wegen dem Gekoche, um Mitternacht, obwohl der eigentliche Plan, früher zu essen, einfach aufgrund des Lernens vergessen wurde, und im Anbetracht dessen, Greta erst um zwei ins Bett gehen konnte. Am liebsten wäre sie wieder schlafen gegangen, doch das funktionierte nicht, mit ihrem straffen Zeitplan, die Augenringe wurden dann abgedeckt, später in der Bahn.

Hannah hat während des Gesprächs lieber geschwiegen, der Reiz ist nicht groß genug, mit Worten zu argumentieren, und Lars dann doch das dritte Mal zu verlieren. Er hat mal wieder Scheiße gebaut, diesmal zum Glück nicht geklaut, aber dafür mit irgendeiner Frau getanzt, und nach viel zu viel Wodka Energy, mitten auf der Tanzfläche, ihr die Zunge in den Hals gesteckt. Er sagt, er hat es mal wieder vercheckt, und dass er mit noch einer Chance beweisen könnte, wie ernst er es doch meinen würde. Hannah hat das schon oft gehört, sodass es sie jedes Mal mehr stört, ihre Gedanken sind an irgendeinem anderen Ort, an dem sie die ganze Sache beendet, an dem sie keine Geduld mehr verschwendet, doch trotzdem sagt sie wieder kein Wort.

Larissa lebt so in den Tag hinein, die Vorlesung guckt sie so nebenbei und auch gleichzeitig nach irgendwelchen Reisezielen, um sich mal wieder selbst zu verlieren. Ihr Fokus ist auf dem Studium, dass sie eigentlich so gar nicht interessiert und ihre Träume ins Weltall katapultiert, und dem ganzen Lernen, wobei sie fast jedes Mal abdriftet, um anzufangen, von Asien zu schwärmen. Am liebsten würde sie längst aufbrechen, um mit einem Rucksack, wenig Geld und Abenteuerlust loszufahren, und ihre Schwächen zu vergessen. Und jedes Mal, wenn sie das Fernweh packt, hat sie ihren Alltag noch mehr satt, und ist bereit alles auf Eis zu legen, aber trotzdem sieht man sie nie losgehen, um für ihre wahren Träume einzustehen.

Ob wir nun Maries, Gretas, Hannahs oder Larissas Situation nachvollziehen können, sollten wir uns alle mal eine kleine Auszeit gönnen, früher nachhause fahren, wenn wir das Bedürfnis verspüren, den Abend alleine zu verbringen und nicht mit uns selbst ringen, weil wir zu viel auf dem Teller haben und selber mal stoppen und uns nicht übernehmen. Wenn die Situation kommt, nicht überreden lassen und merken, wann die Grenze überschritten ist, auf uns selbst hören, uns beschweren dürfen und unseren Träumen Gewicht schenken, und uns nicht für andere verrenken.


Bild: (c) Pexels

Olivia Klocke

Das Schreiben begeistert mich schon seit ich klein bin. Von Artikeln bis zu Kurzgeschichten und Poetry Slams, intessiere ich mich vor allem dafür, was uns so alles gesellschaftlich bewegt, von kleinen bis zu großen Themen. Ich studiere Kulturwissenschaften im Major und Digitale Medien im Minor und lese gerne Romane, die auch ein wenig dramatisch sein können.

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