Hörsaalgangparty: Zwischen Mode und Modebewusstsein
Satire, Titelblatt, Unikultur

Hörsaalgangparty: Zwischen Mode und Modebewusstsein

Zu Prä-Corona-Zeiten war die Hörsaalgangsparty die wichtigste Lüneburger Campusparty des Semesters. Eigentlich ist sie für hemmungsloses Besäufnise und angebliche Schlägereien berüchtigt, doch letztes Jahr entpuppte sich die Bekleidung der Gäste als größtes Verbrechen des Abends. Unser Autor erinnert sich – und verarbeitet sein Trauma.

Die Hörsaalgangparty (HSGP) im Hörsaal der Leuphana war immer das Event auf dem Campus jedes Semester. Nach einigen Verfehlungen der Male zuvor gab es auf der HSGP im Winter letzten Jahres weder Gerüchte von K.O.-Tropfen-Vorfällen noch Schlägereien. Somit somit blieb die Bekleidung der Gäste das größte Verbrechen des Abends. Neben der Musik aus verschiedensten Epochen vereinten sich bei den Gästen auch die schlimmsten Modetrends der letzten 40 Jahre.

Hauptsache Teuer

Bei männlichen Partygängern ist man es gewohnt, nicht allzu viel Stilsicherheit zu erwarten. Ich habe dies getan und wurde dennoch enttäuscht. Scheinbar ist das Aussehen eines Kleidungsstücks völlig gleichgültig, solange darauf eine teure Marke zu sehen ist, egal ob Balenciaga, Phillip Plein oder Fendi. Hauptsache man kann anderen auf der Feier mitteilen, dass das Geld zwar für einen 800€ Gucci Pulli reichte, aber anscheinend nicht mehr für den Alkohol auf der Feier, der bereits massenhaft vorher konsumiert wurde. Wahrscheinlich kleideten sich jene Partygänger auch erst im betrunkenen Zustand an, was so manches Outfit erklärt.

Bei den Marken ist völlig egal, ob wirklich von Armani in Italien hergestellt oder aus dem letzten Türkei Urlaub mitgebracht: Hauptsache andere könnten denken, die Person hätte Geld, da wird auch vor der Fake-Rolex-Uhr nicht Halt gemacht. Generell fällt auf, dass ein Großteil der Personen samt Outfits einfach untereinander austauschbar waren. Die Herren der Schöpfung scheinen auch nicht die Fähigkeit zu besitzen, sich passende Hosen zu kaufen, zu kurz, zu lang, zu weit, zu eng, alles ist vertreten, nur gut passende Hosen sind eine Seltenheit. Die Neigung, bereits zu kurze Hosen auch noch umzuschlagen, offenbart das häufige Fehlen von Socken. Bei Temperaturen knapp über dem Nullpunkt sorgte das für viele blau gefrorene Beine, die an umgedrehte Blue Curaçao-Flaschenhälse erinnerten. Tja, wer „schön“ sein will muss frieren.

 

Der Reiter

Auf dem „Größten BWLer Besäufnis“ der Leuphana waren nicht nur die bereits benannten Betriebswirte anzutreffen, so konnte man mit traumwandlerischer Sicherheit die Studiengänge an ihrem Outfit erkennen. So sichtete man selbst auf dieser Party Uwis ohne Schuhe und die seltsam großen Brillen der KuWis. Am einfachsten zu erkennen sind jedoch die Vertreter der Wirtschaftswissenschaften und der Rechtswissenschaftler: An einem Symbol, das auch ein Abzeichen sein könnte – einem Poloreiter. Ralph Lauren war bei den Herren wohl die beliebteste Marke des Abends, egal ob auf Poloshirts oder auf Hemden. Und wenn es dafür nicht reichte, dann für das einfarbige Shirt mit Reitersymbol, welches es auf Zalando für unter 50€ gibt.

Bei den meisten Herren eindeutig zu erkennen: Sie besitzen nur dieses eine Hemd, meist ein weißes, welches übermütig ohne Unterhemd angezogen wurde und damit Einblicke der unerfreulichen Art ermöglichte. Zusammenfassend könnte man meinen, die Herren des Abends würden noch von ihren Müttern angezogen. Bei manchen ist es vielleicht sogar die böse Stiefmutter gewesen.

 

Enttäuschung

Während die Herren sich gewohnt unmodisch zeigten, überraschte der fehlende Stil der Damenwelt, und dass trotz dem allgemein eher abwesenden Stilbewusstseins der Leuphana Studierenden. Auf der Tanzfläche vereinten sich dann die schlimmsten Trends aller Jahrzehnte: Lowrise bis Highrise, Kunstleder bis Cord, zu weit zu eng. Bei den Hosen der Damenwelt war alles vertreten, nur keine Farbenfreude. Die Klamotten des weiblichen Geschlechts hätte man auch ohne Probleme im Fernsehen der 50er Jahre zeigen können, ohne dass Wirkung verloren gegangen wäre. Denn außer Schwarz und Weiß waren kaum Farben zu sehen. Hin und wieder konnte ein stopschildfarbenes Top gesichtet werden: Die Farbe, die auch bei den „Einfahrt Verboten“-Schildern zum Einsatz kommt, ergänzte jedoch kaum ein Outfit positiv. Eine Ausnahme zur Farblosigkeit bildete eine junge Dame mit einer Kombination zweier Tops übereinander, wobei das untere Top einen neon-grüngeblichen Farbton, auch Slime genannt, hatte während das darüber getragene Top in der Farbe Lavendel auffiel. Um Kritik an diesem Outfit auszuüben reicht diese Beschreibung vollkommen aus. Allerdings fiel nicht nur Oberbekleidung negativ auf, auch Hosen schockierten den Betrachter. So sollte man darauf hinweisen, dass Seitenstreifen an Hosen nur an Smokings und an die Stoffhosen von Jörg Pilawa gehören.

 

Lack und Leder

Den Höhepunkt bildete an dem Abend eine aus Latex hergestellte Hose dieser Art. Der Trägerin dieser Hose sei gesagt, Latex wird für Einweghandschuhe und im Schlafzimmer oder wahlweise im Keller oder anderen eigens dafür hergerichteten Räumen benutzt und sollte dort auch verweilen. Manche der Anwesenden hofften wohl, dass die erschwerten Lichtverhältnisse so manche Modesünde verdeckten, diesen sei aber gesagt: Auch unter Stroboskoplicht sehen Schlaghosen beschissen aus. Auf die Spitze mit dieser grausamen Verirrung der Mode brachte es eine junge Dame, welche eine Lowrise bzw. bodenlange Cordschlaghose trug, zu diesem Kleidungsstück fällt nicht einmal mir etwas ein. Natürlich darf jeder Schlaghosen tragen wenn er oder sie das möchte, nur bedenken Sie eines, die sahen in den 70igern hässlich aus und sie werden wieder hässlich aussehen.

 

Ein Blick zu Tief

Nicht nur die modische Unzumutbarkeit fiel auf, sondern auch der Sinn ging bei so manchem Kleidungsstück verloren. So ist es doch Zweck einer Klamotte, den Körper zu bedecken und zu wärmen, allerdings wurden auch bei Temperaturen knapp über dem Nullpunkt bauchfreie Tops oder Hotpants getragen, oder halboffene Hemden bei den Herren. Die hier an den Tag gebrachte Kälteresistenz hätte Napoleon bei seinem Feldzug 1812 gebraucht. Wobei es in Europa bereits Tradition ist, in falscher Montur von kalten Temperaturen überrascht zu werden.
Auch der Funktion der Bedeckung wurde oft nicht nachgekommen, so war manches Top so knapp und lies so tief blicken, dass die Betrachtenden sich die Frage stellten, ob es einen Unterschied machen würde, ließe man das Top weg. Oft kam man zu dem Ergebnis: Nein..
Ein Kleidungsstück darf auf solcher Party natürlich auch nicht fehlen: das berühmte Glitzerkleid. Ein Kleidungsstück, welches ausschließlich zu solchen Veranstaltungen aus den tiefsten Ecken des Kleiderschrankes gezehrt wird und eindrucksvoll beweist: weder ist alles Gold was glänzt, noch war früher mehr Lametta.

Ein Artikel für alle Vergehen gegen den guten Geschmack reicht nicht aus, aber einen kleinen Einblick kann man hiermit doch bieten. Und wer sich jetzt angesprochen fühlt, der ist auch gemeint.

Somit uns allen ein stilsicheres Jahr 2021.

 


Titelbild: HSGP 2019 (c) Jannik Sander/Lucas Mohrhagen

15. Januar 2021

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Patrik Funk