Cybersyn Render 107 - Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons

Cybersyn – Das Experiment in Chile für eine kybernetische Steuerung der Wirtschaft

In den frühen 70er Jahren wurde Chile Schauplatz eines revolutionären Experiments sowohl im politischen als auch im technologischen Bereich. Die Regierung von Salvador Allende, die sich stark auf sozialistische Prinzipien stützte, versuchte, die Grenzen dessen, was durch moderne Technologie in der Verwaltung einer Volkswirtschaft möglich war, neu zu definieren. Das Cybersyn-Projekt, ein ambitiöses Unterfangen, dass die kybernetische Theorie von Stafford Beer einsetzte, zielte darauf ab, ein Echtzeit-Datenfluss- und Managementsystem zu erschaffen, das die Wirtschaftsaktivitäten des Landes zentralisiert koordinieren konnte. Es war ein Pionierprojekt, das darauf abzielte, die Arbeitskräfte in den Mittelpunkt der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung zu stellen, in der Hoffnung, einen neuen Weg des marxistischen Sozialismus zu ebnen.
Allerdings war dieses ambitionierte Unterfangen von kurzer Dauer. Die politische Landschaft Chiles erlebte einen abrupten und brutalen Wandel, als das Militär unter der Führung von Augusto Pinochet am 11. September 1973 die Macht übernahm. Dies beendete nicht nur Allendes Präsidentschaft, sondern auch die Hoffnung, dass Chile durch Cybersyn in eine Ära des technologisch unterstützten Sozialismus eintreten könnte. Was hätte ein voll funktionsfähiges Cybersyn-System bewirken können, bleibt eine offene Frage, da Chile in eine dunkle Ära der Militärherrschaft abrutschte, die fast zwei Jahrzehnte andauern sollte.

Was ist Cybersyn?

Die thematische Grundlage in diesem Artikel bildet das Projekt Cybernetic synergy (Cybersyn), ein System zur Entscheidungsfindung und ökonomischen Steuerung unter der Präsidentschaft (1970–1973) vom marxistisch-sozialistischen Salvador Allende zur sozialistischen Zeit in den 1970er-Jahren in Chile. Dabei geht es um den Versuch einer Zentralverwaltungswirtschaft in Echtzeit durch die Steuerung von Computern. Diese sollte den Mangel an Gütern koordinieren, erkennen, wo Knappheiten drohten und wie Ressourcen effektiv verteilt werden können und somit die Wirtschaftsleistung erhöhen. Damit verbunden war die Frage, ob das Experiment einer kybernetischen Steuerung der Wirtschaft mit Cybersyn in Chile Erfolg hatte.

Das Wort Cybersyn setzt sich aus den beiden englischen Wörtern Cybernetics, also Kybernetik und Synergy übersetzt Synergie zusammen. Der Mathematiker und Philosoph Norbert Wiener veröffentlichte 1948 in „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“ seine Definition der Kybernetik: „Die Kontrolle und Kommunikation in Organismen und Maschinen“.

Im Jahr 2023 ist nunmehr ein halbes Jahrhundert vergangen, seit im Jahr 1972 die Sternstunde von Cybersyn für computerbasierte Entscheidungen schlug. Die Gegner vom Allende-Regime – unterstützt durch die Central Intelligence Agency (CIA) – führten im Oktober 1972 einen Generalstreik herbei, um das Land ins Chaos zu stürzen. Mittels der Fernschreiber, die mit Cybersyn verbunden waren, konnten regierungstreue LKW-Fahrer gefunden werden, um so Lebensmittel zu verteilen, Fabriken weiterhin in Produktion zu halten und schließlich den Zusammenbruch der demokratischen Regierung zu verhindern.

In den letzten Jahren erschienen einige Publikationen und Erinnerungen an Cybersyn. Das Projekt Cybersyn wurde wieder in das kollektive Gedächtnis gerufen und somit, wie eine Steuerung der Wirtschaft vor dem Zeitalter des Internets funktionierte. Dies wird verdeutlicht durch einige Veröffentlichungen in der jüngeren Zeit. Am 11. September 2023 ist der Putsch genau 50 Jahre her.

Sogar in einem fiktionalen Roman, „Gegen die Zeit“ (2015) von Sascha Reh wird die damalige Präsidentschaft von Salvador Allende und das Projekt Cybersyn aufgegriffen. Hierbei erinnert das Buch an ein historisches Experiment und an eine dramatische Geschichte von Aufbruch und Enttäuschung, von Vertrauen und Verrat. In einer zweiteiligen Hörfunksendung (Radio-Feature) beim Deutschlandfunk (DLF) bzw. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) wird das Projekt benannt und als der kybernetische Traum von Gerechtigkeit beschrieben. Ebenfalls vorhanden sind eine Video-Dokumentation vom Portal Mashable (eine britisch-amerikanische Nachrichten-Webseite mit Fokus auf soziale Medien) aus dem Jahr 2022, mit dem Fokus auf die Vernetzung der unterschiedlichen Systeme der damaligen Zeit, lange bevor es das Internet gab. Darunter wird das Netzwerk, das Advanced Research Projects Agency Network (ARPANET), thematisiert, welches die Grundlage für das moderne Internet werden sollte. Die Netze, auf die die Menschen heute angewiesen sind, spiegeln noch immer den Zweck und die Weltanschauung ihrer Zeit und ihres Ortes wider: offen, unkontrolliert und unkontrollierbar.

Gerade in Bezug zu dem immer fortschreitenden Einsatz von Computern und dem Internet in der Steuerung von Wirtschaftsprozessen ist der Rückblick auf eine Zeit in Südamerika spannend, da es zu der damaligen Zeit noch nicht das Internet gab, wie es heute bekannt und genutzt wird. Dennoch bot es einen Ansatz, wie die Steuerung durch Daten aussehen kann.

Kybernetik

Cybersyn wird häufig mit Futurismus in Verbindung gebracht, insbesondere mit dem Internet bzw. der Vernetzung von Computern, den globalen Netzwerken von Wissen, Informationen und Daten. Medien haben es als Chiles sozialistisches Internet, Allendes Internet-Vision und Internet-Vorläufer in Chile usw. bezeichnet.

Das zentrale Konzept der Kybernetik wird hier als eine Selbstorganisation bzw. Selbstkontrolle beschrieben. Die beiden Begriffe können jedoch ohne entsprechende Abgrenzung nicht als Synonyme verwendet werden. Bei Cybersyn geht es um die Implementierung einer technischen Infrastruktur zur ökonomischen Planung. Darin soll diese das Bürokratieproblem der Planwirtschaft durch entsprechende digitale Feedbackkreisläufe lösen. Schließlich soll dies zur Etablierung einer selbstorganisierten Planwirtschaft beitragen.

Diese Feedbackkreisläufe können folgendermaßen beschrieben werden: Wenn das System entsprechend ein Problem feststellte, sollte es zuerst auf lokaler Unternehmensebene gelöst werden und erst nach einem begrenzten Zeitrahmen sukzessive höhere Ebenen (Unternehmen, Branche, Sektor und gesamte Nation) erreichen, wenn dies nicht möglich war. Mittels dieser Bottom-up-Planung (von unten nach oben) sollte es auch die Verbraucher miteinbeziehen.

Die Kybernetik als eine neue Metawissenschaft (Wissenschaftsbereiche, die über eine Einzelwissenschaft hinausgehen – hier im Zentrum zwischen Technik und Wissenschaft) beschäftigte sich mit der Steuerung und der Kontrolle einer Vielzahl von Systemen. Dieses System der Natur, der Technik, aber auch der Gesellschaft beschreibt die Fähigkeiten, sich selbst zu regulieren. Die Prinzipien der Selbststeuerung und des Feedback fanden sich entsprechend bei den Lebewesen, Maschinen und der Gesellschaft gleichermaßen. Somit sollten der Idee entsprechend in der Marktwirtschaft blinde Marktprozesse und Krisen durch eine Rückkoppelung verhindert werden. Der britische Theoretiker, Berater und Professor Anthony Stafford Beer (*1926; †2002), der Begründer von Cybersyn, sieht die Kybernetik als die Wissenschaft von der Organisation komplexer und natürlicher Systeme.

Die Realisierung von Cybersyn erfolgte über zwei maßgebliche Elemente, daneben diente das Zentralnervensystem des menschlichen Körpers als Referenz

  • Auf der Grundlage der Heterarchie (dezentralisierte, kollaborative Unabhängigkeit) der Kybernetik zweiter Ordnung bestand das Projekt aus einem dezentralisierten Netzwerk des Managements der Produktion – hier der Verwaltung und den Entscheidungen von Staatsbetrieben.
  • Mit der Verwendung der Software Cyberstride über ein Telexsystem (TELEX = TELeprinter EXchange) war es ein Netzwerk für die Übertragung von Informationen in Echtzeit.

Steuerrungssystem

Hinzu kommt das Viable System Model (VSM), dies kann in drei Elemente unterteilt werden. Als erstes Element ist die natürliche und soziale Umwelt zu nennen. Zweitens der Entscheidungsraum, die Person oder die Personen und abschließend die Technologie, welche die Beziehungen zwischen der Umwelt und der Entscheidung vermittelt. Das Projekt Cybersyn basierte auf einem praktikablen systemtheoretischen Ansatz zur Organisationsgestaltung und verfügte über eine für die damalige Zeit innovative Technologie: Es umfasste ein Netz von Fernschreibern (Cybernet) in staatlichen Unternehmen, die Informationen an die Regierung in der Haupt- und Primatstadt Santiago de Chile übermitteln und von dort empfangen sollte. Die Informationen aus den Betrieben wurden in eine statistische Modellierungssoftware (Cyberstride) eingespeist, welche die Produktionsindikatoren, wie z.B. die Rohstoffversorgung oder hohe Abwesenheitsquoten der Arbeitenden, fast in Echtzeit überwachte und im ersten Fall die Arbeitenden und in abnormalen Situationen, wenn diese Parameter weit außerhalb der akzeptablen Bereiche lagen, auch die Zentralregierung alarmierte.

Die vorliegenden Informationen sind auch in eine Wirtschaftssimulationssoftware CHilean ECOnomic simulator (CHECO) eingeflossen, mit der die Regierung das mögliche Ergebnis wirtschaftlicher Entscheidungen vorhersagen konnte. Schließlich sollte ein hochentwickelter Betriebsraum bzw. Kontrollraum oder Leitstelle auch manchmal als Operationsraum bezeichnet (Opsroom – Spanisch: Sala de operaciónes), einen Ort bieten, in dem Manager relevante Wirtschaftsdaten einsehen, realisierbare Reaktionen auf Notfälle formulieren und Ratschläge und Anweisungen an Unternehmen und Fabriken in Alarmsituationen über das Telexnetz (auch Fernschreibernetzwerk) übermitteln konnten.

Cybersyn Render 003 - Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons
Cybersyn Render 003 – Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons

Zu Beginn des Projekts gab es in ganz Chile nur 50 – meist veraltete – Computer, verglichen mit 48.000 Computern in den Vereinigten Staaten von Amerika zu dieser Zeit. Der Mangel an Ressourcen, wie hier die Anzahl von Computern, wurde von den Entwicklern durch Kreativität gelöst – so zum Beispiel durch die eigene Entwicklung der Software oder statt auf eine Vielzahl von Computern in den Fabriken zu setzen, die Fernschreiber zu nutzen.

Wirtschaftsordnung

Bei der Betrachtung der verschiedenen Wirtschaftsordnungen gibt es die Zentralverwaltungswirtschaft oder auch Planwirtschaft, Zentralplanwirtschaft oder Kommandowirtschaft genannt. Diese Ordnung zeichnet sich dadurch aus, dass wesentliche, gegebenenfalls sogar alle Entscheidungen zur Zuordnung, also die Allokation knapper Ressourcen wie Arbeit, Kapital und Boden zur Produktion von Gütern, von einer zentralen Instanz getroffen werden. In der Zentralverwaltungswirtschaft existiert auch eine Wirtschaftsordnung, die eher zu den neueren Ansätzen gehört. Unter dem Begriff der computergesteuerten Planwirtschaft sind ebendiese neuen Grundgedanken zu finden.

Der Einsatz von Computern zur optimalen Koordinierung bzw. Steuerung der Produktion wurde verschiedentlich für sozialistische Volkswirtschaften vorgeschlagen. Der polnische Wirtschaftswissenschaftler und Diplomat Oskar R. Lange (*1904; †1965) vertrat die Ansicht, dass der Computer bei der Lösung der zahlreichen simultanen Gleichungen, die für eine effiziente Zuteilung wirtschaftlicher Inputs (entweder in Form von physischen Mengen oder von Geldpreisen) erforderlich sind, effizienter sind als der Marktprozess.

Auch die Sowjetunion unternahm einige Versuche einer computergestützten Wirtschaftsplanung, die sich allerdings mehr auf die mathematische als auf die computerwissenschaftliche Seite des Themas konzentrierte und sich als erfolglos erwies.

Mit dieser neuen Metawissenschaft, bestehend aus Steuerung und Kontrolle, der Kybernetik, sollte die Blaupause bzw. die ideologische Rechtfertigung für einen neuen angemessenen Kapitalismus geliefert werden.

Steuerung durch Daten

Bei einer Betrachtung auf die heutige Zeit sind vernetzte Systeme, deren Steuerung und Kontrolle, sowie und das Internet allgegenwärtig. Das Internet ist ein offener, freier Raum, der teilweise keiner bzw. einer nur eingeschränkten Kontrolle unterliegt. In der Informationsgesellschaft mit einer globalen Infrastruktur sind physische und virtuelle Objekte miteinander vernetzt. Wie bei jeder neuen technologischen Epoche stellen sich allmählich Fragen zu Form, Eigentum und Regulierung. Das Internet of Things (IoT) (Deutsch: Internet der Dinge) verändert die Politik. Die Algorithmen bestimmen unser Leben, sie wirken sich auf die Suchergebnisse und auf die Vorschläge aus, die die Individuen in Sozialen Medien dargestellt bekommen. Die digitalen Daten werden als das neue Öl der Zukunft bzw. das Kapital der Zukunft angesehen. Datenreiche Märkte verändern die Rolle, die Märkte und das Geld spielen.

Auch können Ökonomen diese Daten nutzen, um ein sprichwörtliches Elektrokardiogramm der Wirtschaft zu erhalten. Die Daten bilden reale Probleme der Welt ab. Ökonomen können die Entscheidungsträger und Politik beraten. Die Diskrepanz zwischen den offiziellen Daten und dem, was in der realen Wirtschaft passiert, kann immer noch eklatant sein. Auch kann die Qualität von vielen Echtzeitquellen in Frage gestellt werden. Entsprechend sind Hochfrequenzdaten weniger genau bei der Schätzung von Niveaus (z.B. dem Gesamtwert des Bruttoinlandsprodukts (BIP)) als bei einer Schätzung von Änderungen und insbesondere von Wendepunkten (z.B., wenn das Wirtschaftswachstum sich in eine Rezession wendet).

Wenn es um die Steuerung und Kontrolle geht, so existieren Unternehmen im Internet, die durch ihre Marktmacht eine Wettbewerbsverzerrung am Markt haben. Plattform- Unternehmen wie Amazon, Apple, Baidu, Facebook (jetzt Meta), Google (Alphabet) und Uber streben in ihrer Absicht danach, eine Plattformökonomie (Verbindung von Kunden auf einem digitalen Marktplatz) miteinander verbundener Dienste und Produkte mit dem Ziel zu errichten, im Verbund Gewinn zu erwirtschaften. Schließlich geht es aber auch um die Kontrolle von Daten und Marktmacht.

Beim Versuch der Umsetzung von Cybersyn beispielsweise sollten notwendige ökonomische Daten vorliegen, damit die Manager bzw. Entscheidungsträger in Lagebesprechungen die ökonomischen Parameter zu diskutieren vermochten. Dies geschah lange bevor der Begriff Big-Data existierte, auch der Begriff IoT war noch nicht geboren, aber der Erfinder erkannte, wie wichtig die Verknüpfung von Echtzeit-Daten war. Mittels eines Index sollte die Zufriedenheit der Menschen gemessen werden, der Sozialismus sollte somit in das Computerzeitalter katapultiert werden. Unter der Regierung von Allende leistete dies Pionierarbeit für eine Technologie, die sowohl das Internet als auch die Ära von Big-Data vorwegnahm. Cybersyn zielte auf den Aufbau einer digitalen Infrastruktur zur Unterstützung der demokratischen Kontrolle der Wirtschaft ab.

Dass eine digitale Planwirtschaft durch die Nutzung von Big-Data und damit das grundsätzliche Informationsproblem der Planwirtschaft als gelöst gilt, schafft jedoch ein ganz neues Szenario. Die Überwachung. Aber auch wenn es um die Demokratisierung von Big-Data geht, so ist mehr öffentliche Aufsicht willkommen, reicht aber oftmals nicht aus. Daher muss geregelt werden, wie Daten extrahiert und verarbeitet werden. Aus diesem Grund gilt: Um Big-Data zu demokratisieren, muss klar sein, wer von der Nutzung profitiert.

Ein weiterer Aspekt ist, ob die unsichtbare Hand des Marktes vom schottischen Moralphilosophen, Aufklärer sowie Begründer der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith (*1723; †1790), die am Markt unbewusst das Gemeinwohl fördert, längst ausgedient hat. Hierbei verstand Smith, die Selbststeuerung der Wirtschaft über Angebot und Nachfrage auf dem Markt. In diesem Zusammenhang stellt sich grundsätzlich die Frage, ob bei dieser effizienten Koordination von Angebot und Nachfrage, am Ende nicht nur ein komplizierter Algorithmus steckt, der mit entsprechend genügend Rechenleistung sichtbar wird.

Zusammenfassend bleibt trotz dieser Ansätze zur Steuerung und Kontrolle festzuhalten, dass das Projekt Cybersyn und das ökonomische Wirtschaftsmodell der Planwirtschaft sich in Chile zu der damaligen Zeit nicht durchsetzen konnte.

Einführung von Cybersyn

Im Jahr 1971, während der Regierung von Präsident Salvador Allende, begann man in Chile mit der Entwicklung eines innovativen kybernetischen Systems für die Verwaltung und den Transfer von Informationen. Zuvor regierte (1964-1970) Eduardo Frei Montalva (*1911; †1982) mit der Christlich-Demokratischen Partei (Partido Demócrata Cristiano (PDC)). Salvador Allende führte die Sozialistische Partei (Wahlbündnis Unidad Popular – UP) an. Dem Wahlbündnis gehörten neben der kommunistischen und der sozialistischen Partei noch mehrere kleine marxistische und christliche Parteien an.

Das Projekt wurde CYBERSYN (manchmal auch CyberSyn geschrieben), im Englischen „Cybernetic Synergy“ oder Sistema de información y control (Synco) auf Spanisch (Deutsch: Informations- und Kontrollsystem) genannt.

In den chilenischen Staatsbetrieben sollte ein System zur Übermittlung von Wirtschaftsinformationen in nahezu Echtzeit an die Regierung eingeführt werden. Nach der Verstaatlichung vieler Unternehmen und deren Eingliederung stand das Wirtschaftssystem der Regierung Allende vor der Aufgabe, die Informationen der bestehenden staatlichen und der neu verstaatlichten Unternehmen zu koordinieren. Um dies zu erreichen, musste ein dynamisches und flexibles Informationsübertragungssystem geschaffen werden.

Anzumerken sei, dass es sich grundsätzlich um ein dezentrales und kein zentrales Netzwerk aus Fernschreibern handelte, welches aber ein zentrales Steuerungszentrum bzw. Großrechner in der Hauptstadt Santiago de Chile aufwies. Ein rein dezentrales System würde verteilt aufgestellt sein und unabhängig von einem einzigen zentralen Ort wie in diesem Fall.

Salvador Allende hatte eine eigene Vision des Marxismus, in welcher er eine Verbindung von dezentralisierter Führung und Beteiligung von Arbeitenden am Management anstrebte. In den Projektskizzen zu Cybersyn ist zu finden, dass der Einfluss des Marxismus auf das Projekt Cybersyn deutlich wurde, in dem nicht nur stets die Arbeitenden in der Mitte der Prozesse standen, sondern auch das technische Design verband diesen Ansatz. Dadurch wurde gewährleistet, dass die Antriebskraft vorhanden bleibt, aus dem das kybernetische System seine kontinuierliche Funktionalität schöpfen konnte. Nach Stafford Beer hat Kybernetik den Marxismus effizienter gemacht. Dies wurde erreicht, indem man ihm ermöglichte, die sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen zu regulieren. Auf der anderen Seite gab der Marxismus der Kybernetik die Chance, nicht nur die Aktivitäten eines Unternehmens, sondern die einer ganzen Volkswirtschaft zu steuern und die theoretische Konzeption vom Gleichgewichtszustand eines offenen dynamischen Systems, das durch einen internen regelnden Prozess aufrechterhalten wird, praktisch zu erproben.

Begründer und Initiatoren von Cybersyn

Das Projekt Cybersyn wurde 1971 bis 1973 während der marxistisch-sozialistischen Präsidentschaft (1970-1973) von Salvador Allende (*1908; †1973) durchgeführt und zielte darauf ab, ein verteiltes Entscheidungshilfesystem zur Unterstützung der Verwaltung der nationalen Wirtschaft zu entwickeln. Allende wollte mit dem Projekt gerade die dezentralisierenden und unbürokratischen Ziele seiner Politik stärken. Er war von der Idee begeistert und lobte den Hauptarchitekten Stafford Beer für dessen Ansätze, die einen dezentralisierten und antibürokratischen Sozialismus ermöglichen sollten.

Der Hauptarchitekt des Systems war der britische Operations Research Wissenschaftler Anthony Stafford Beer (*1926; †2002). Seine Vorstellungen von Organisationskybernetik im industriellen Management spiegeln sich in der Konzeption des Systems wider. Eines seiner Hauptziele war es, die Entscheidungsbefugnis in Industrieunternehmen auf die Belegschaft zu übertragen, um die Selbstregulierung der Fabriken zu fördern. Es wurde von einem Team aus britischen und chilenischen Ingenieuren und Wissenschaftlern geschaffen. Beer war der Begründer eines Fachgebiets namens Management-Kybernetik. Er schrieb seine Erfahrungen und Erlebnisse zum Projekt Cybersyn und der Zeit in Chile in der zweiten Auflage seines Buchs „The Brain of the Firm“ (1981) in einem neuen Abschnitt am Ende nieder.

Beer sagte dazu, dass in dem kybernetischen Theorem, womit er schon experimentiert hatte, die Regulierung von der Information abhänge. So sei in jeder industriellen Wirtschaft die Regierung mit zwei Hauptproblemen konfrontiert. Zum einen: Was genau geht in all diesen Anlagen vor sich? Und zum anderen: Wie schnell wird man über die heutigen Ergebnisse Bescheid wissen? In hochindustrialisierten Gesellschaften ist viel darüber bekannt, was vor sich geht, aber das Wissen sei von höchst komplexer Natur, so Beer.

In der damaligen Wirtschaftsförderungsbehörde Corporación de Fomento de la Producción (CORFO) (engl.: Production Development Corporation) (Deutsch: Verband zur Produktionsförderung) war man überzeugt, dass die von Beer entwickelten kybernetischen Managementprinzipien nicht nur die einzelnen Unternehmen, sondern auch eine ganze Volkswirtschaft effizienter machen könnte. Unter der Berücksichtigung, dass es sich bei Chile um einen unterentwickelten Staat handelte. Das Ziel war mitnichten, eine Verwaltungswirtschaft nach einem sowjetischen Vorbild, sondern ein neuer dritter Weg zwischen der Plan- und Marktwirtschaft. Nach der Wahl von Allende im Jahr 1970 verfolgte dieser das Ziel, den imperialen Kapitalismus zurückzudrängen, ohne eine kommunistische Diktatur zu errichten.

Stafford Beer fungierte als Berater für Management-Kybernetik und sympathisierte mit den erklärten Idealen des chilenischen Sozialismus, dem demokratischen System Chiles und der Aufrechterhaltung der Autonomie der Arbeitenden. Dies zog er der Einführung eines Systems von Befehl und Kontrolle nach sowjetischem Vorbild vor. Im Projekt Cybersyn sah Beer eine einzigartige Gelegenheit, seine Ideen auf nationaler Ebene umzusetzen. Er gab nicht nur seine Expertise zur Entwicklung eines Systems, sondern die meisten seiner anderen Beratungsgeschäfte auf und widmete viel Zeit dem Projekt Cybersyn. Er reiste häufig nach Chile, um mit den lokalen Umsetzern zusammenzuarbeiten, und nutzte seine persönlichen Kontakte, um sich die Hilfe britischer technischer Experten zu sichern.

In einem Gespräch mit dem chilenischen Präsidenten Allende soll Stafford Beer diesen von seinem vorgelegten Konzept überzeugt haben. Das Konzept passe sich an die Anforderungen des chilenischen demokratischen Sozialismus an. Da hier ein Konzept vorliegt, in dem nicht die politischen Eliten und die Firmenmanager im Zentrum des gesamten Steuerungssystems stehen sollten, sondern die Arbeitnehmer.

Nach fast zwei Jahren Arbeit und immensen Fortschritten wurde das kybernetische Regierungsprojekt von Präsident Salvador Allende zur Umsetzung im Palacio de La Moneda (Präsidentenpalast) genehmigt. Der Aufbau vom Projekt Cybersyn dauerte ein Jahr (von November 1971 bis November 1972), wurde aber nie vollständig abgeschlossen.

Nach dem Militärputsch unter der Führung von Augusto José Ramón Pinochet Ugarte (*1915; †2006) vom 11. September 1973 wurde Cybersyn aufgegeben und der Betriebsraum zerstört. Einige Mitglieder vom Projekt Cybernet flohen aus dem Land, andere wurden inhaftiert. Pinochet war von 1973 bis 1990 der Diktator Chiles.

CORFO

Bereits 1970 wurde der chilenische Politiker, Ingenieur und Philosoph Carlos Fernando Flores Labra (kurz: Fernando Flores) zum technischen Generaldirektor der CORFO ernannt. Somit war er für die Verwaltung und Koordinierung zwischen den verstaatlichten Unternehmen und dem Staat verantwortlich. Später wurde er im November 1972 zum Wirtschaftsminister und noch im selben Jahr im Dezember zum Finanzminister durch Allende ernannt. Im Mai 1973 erfolgte die Funktion als Generalsekretär der Regierung. Er kannte die Theorien und Lösungsvorschläge des Ingenieurs Stafford Beer seit seiner Studienzeit und später durch seine berufliche Beziehung zu dessen Beratungsfirma Science in General Management (SIGMA).

Bis Ende 1971 hatte die Regierung Allende mehr als 150 Unternehmen verstaatlicht, darunter zwölf der 20 größten chilenischen Firmen. Flores erkannte, dass die junge Regierung Hilfe bräuchte, um den Kritikern der freien Marktwirtschaft entgegenzuhandeln, die vor der Missachtung der Preismechanismen warnten.

Zusammen mit Raúl Espejo, der ebenfalls bei CORFO arbeitete und später operativer Leiter vom Projekt Cybersyn wurde, schrieb er einen Brief an Stafford Beer, in dem er ihn einlud, das VSM in Chile einzuführen. Beer akzeptierte und das Projekt begann 1971 mit seiner Entwicklung.

Beer und Flores stellten sich eine doppelte Rolle für die kybernetische Wissenschaft vor. Kybernetische Ansichten über das Management, insbesondere das VSM, könnten die organisatorischen Veränderungen, die CORFO benötigte, leiten und die Umsetzung von Schnelllösungen verhindern, die sich langfristig als unwirksam oder schädlich erweisen könnten. Mit den kybernetischen Ideen über Rückkopplung und Kontrolle könnten auch die Entwicklung neuer technologischer Systeme beeinflusst werden, um das Management des verstaatlichten Sektors zu verbessern – von der Werkstatt bis zu den Büros der CORFO. Der Grundgedanke war in Anlehnung an Stafford Beers Idee einer Freiheitsmaschine, dass ein solches System als Netzwerk für den Echtzeit-Informationsaustausch fungieren und Großrechnertechnologie für die Verarbeitung von Datenmengen verwenden sollten. Mit diesem Ansatz würde es Managern und Verwaltungsbeamten ermöglichen, ihre Entscheidungen auf der Grundlage aktueller Daten zu treffen und ihre Vorgehensweise schnell zu ändern, ohne sich in der Bürokratie der Regierung zu verlieren. Die Management-Kybernetik bot ebenfalls Möglichkeiten zur Verbesserung der Art und Weise, wie die Regierung Informationen von den staatlichen Unternehmen erhielt.

Streik

Das System konnte seine Nützlichkeit im Oktober 1972 während des Streiks (auch bekannt als Oktoberstreik) der Arbeitgeber unter Beweis stellen, als LKW-Fahrer die Straßen von Santiago de Chile blockierten. Der Streik begann am 09. Oktober 1972 und es beteiligten sich 165 Speditionsverbände mit rund 40.000 Fahrern und 56.000 Fahrzeugen. Die streikenden LKW-Besitzer weigerten sich, Lebensmittel, Kraftstoff oder Rohstoffe zu verteilen. Ziel war es, die Transporte für Santiago de Chile lahmzulegen. Die Stadt hatte wenige Hauptstraßen, die ins Umland führten, daher hatten die Blockaden gravierende Auswirkungen. Mit Unterstützung von Fernschreibern konnte die Regierung den Transport von Lebensmitteln in die Stadt mit den etwa 200 LKW koordinieren, die Salvador Allende treu waren und nicht streikten. Dies geschah, indem automatisch verfügbare Fahrzeuge und nicht blockierte Routen durch das System ermittelt wurden. Die LKWs wurden auf andere Routen umgeleitet. Entsprechend kann davon gesprochen werden, dass neben der angestrebten selbstorganisierten Planwirtschaft, die Stabilisierung des Systems, die es regulierten sollte, einschlägig erfolgt ist. Der Streik der LKW-Fahrer wurde angeführt unter der Führung der rechtsgerichteten Confederación Nacional del Transporte (Deutsch: Nationale Verkehrskonföderation). Nach 24 Tagen war der Streik beendet.

Die Vereinigten Staaten mit deren CIA – US-Auslandsgeheimdienst – unterstützten daher die oppositionellen Kräfte und Militärs im Land. Ein Sonderausschuss des US-Senats, machte 1975-1976 die Interventionen in verschiedenen Ländern öffentlich. Beispielsweise wurde auch der Streik der LKW-Fahrer durch die CIA unterstützt. Ebenso bekamen Großgrundbesitzer und Unternehmer, die eng mit amerikanischen Investoren kooperierten, in ihrem Widerstand Rückendeckung von der US-Regierung durch die Interventionen der CIA. Chile unterlag zu dieser Zeit Wirtschaftssanktionen, was den Import von Material und Technik erschwerte.

Operation Rubikon

Die Operation Rubikon war eine geheime Zusammenarbeit zwischen BND und CIA von 1970 bis 1993, später bis 2018. Sie diente der Überwachung verschlüsselter Regierungskommunikation anderer Länder, ermöglicht durch den Verkauf manipulierter Verschlüsselungstechnik der Crypto AG. Die CIA nannte sie den „Geheimdienstcoup des Jahrhunderts“. Die Operation Rubikon zeigte rasch Wirkung. Nach dem demokratischen Wahlsieg von Salvador Allende in Chile 1970 sahen die USA die Verbreitung des Sozialismus in Südamerika als Bedrohung für ihre Containmentpolitik. Sie unterstützten rechte Militärs, die einen Putsch in Chile planten. Im Jahr 1973 wurde Allende schließlich gestürzt, wobei die von der CIA entschlüsselten Crypto-Maschinen wahrscheinlich erheblich zum Erfolg des Putsches beitrugen.

Wirtschaftsprogramm

In der Zeit von 1950 bis 1970 war die chilenische Wirtschaftsleistung durch eine chronische und hohe Inflation, ein mäßiges Wachstum und häufige Zahlungsbilanzkrisen gekennzeichnet. In der Tat war die Wirtschaft des Landes einer der Prototypen für die alte strukturalistisch-monetaristische Kontroverse. Andererseits verfügte Chile lange Zeit über ein sehr stabiles demokratisches politisches System, welches in dieser Hinsicht einen Leuchtturm unter den lateinamerikanischen Ländern darstellte. Im Vergleich war die Wirtschaftsleistung Chiles in diesem Zeitraum die schlechteste der großen und mittelgroßen Länder Lateinamerikas. In den 1940ern startete Chile, genauso wie viele andere Länder Südamerikas, ein Industrialisierungsprogramm, das auf Importsubstitution basierte. Die Inflation resultierte hauptsächlich aus einer übermäßigen Geldschöpfung und einer lockeren Steuerpolitik. Trotz mehrerer Stabilisierungsprogramme führte dies nicht zur Regeneration.

Allendes Regierungsplan war der wirtschaftliche und politische Übergang des Landes mit dem Ziel, einen sozialistischen chilenischen Staat auf demokratische Weise zu bilden. Zentrale Herausforderung war hierbei das Flickwerk aus Fabriken, Bergwerken und anderen Industriezweigen – von denen einige erst vor kurzem verstaatlicht wurden, während andere schon seit einiger Zeit unter staatlicher Kontrolle standen – war immer schwieriger zu überwachen und zu verwalten. Die Geschwindigkeit, mit der Allende und die Volkseinheit den Verstaatlichungsprozess durchführten, führte ebenfalls zu Problemen. Der Verwaltung fehlte es sowohl an Rohstoffen für die Produktion als auch an qualifizierten, erfahrenen Personen, die einen riesigen, expandierenden öffentlichen Industriesektor mit einer immer größeren Zahl von Beschäftigten leiten konnten, da Allende sich darauf konzentrierte, die Arbeitslosigkeit zu senken und die Wirtschaft von Tag zu Tag schwieriger zu kontrollieren und zu messen war.

Das Wirtschaftsprogramm von Allende zeichnete sich durch mehrere linksorientierte Strukturreformen aus, darunter die Verstaatlichung des Bankensektors und der meisten anderen Industriezweige. In der Finanzpolitik führte eine aggressive Ausweitung der Staatsausgaben zu einem noch nie da gewesenen Anstieg des öffentlichen Defizits.

Im ersten Jahr der Regierung Allende wurde eine expansive keynesianische Politik betrieben, indem die Löhne und Steuern erhöht und die Ausgaben ausgeweitet wurden, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln; infolgedessen wuchs das BIP um mehr als 7 Prozent und die Produktion überstieg den historischen Durchschnitt. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der Inflation und zu Knappheitserscheinungen – logische Folgen eines kurzfristigen wirtschaftlichen Umstrukturierungsplans dieser Art, aber definitiv nicht auf lange Sicht.

Ende 1971 hatte Chile einen großen Teil der Bergbauunternehmen und der Privatindustrie verstaatlicht. Die Pläne wurden jedoch nicht vollständig erfüllt, da die meisten der verstaatlichten Industrien nicht in den ursprünglichen Plänen enthalten waren. Der Prozess erforderte eine einheitliche Struktur und Abgrenzung der Projekte und der Verstaatlichungsplan wurde für die Regierung zu einem komplexen Problem. Ein Kreditstopp der Weltbank sowie die Devisenschwäche der chilenischen Wirtschaft zwangen Präsident Allende schließlich dazu, die Staatsausgaben auf ein Minimum zu reduzieren.

Als die Regierung von Salvador Allende im September 1973 stürzte, lag die jährliche Inflationsrate in Chile bei 286 Prozent. Drei Monate später, nachdem die neue Regierung die offensichtlichsten, durch die Preiskontrollen verursachten Verzerrungen korrigiert hatte, stieg die Inflation auf 508 Prozent an.

Die Zeit nach Cybersyn

Nach dem Militärputsch durch Augusto José Ramón Pinochet Ugarte vom 11. September 1973 war Chile politisch gespalten und die Wirtschaftsleistung sank rapide. Die Inflation stieg, relative Preisverzerrungen – die hauptsächlich auf massive Preiskontrollen zurückzuführen waren – waren entsprechend weit verbreitet. Ebenfalls kam es zu vielen Aktivitäten auf dem Schwarzmarkt, die Reallöhne sanken drastisch. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Mittelstandes waren stark geschädigt. Nachdem seinem Einbruch stand der Außenhandel vor einer schweren Krise, da dieser einbrach. Insgesamt gingen Produktion und Investitionen stark zurück. Schließlich gerieten die Staatsfinanzen außer Kontrolle.

Im Zuge des Staatsstreichs wurde die Arbeit am Projekt Cybersyn sowie das Kontrollzentrum größtenteils zerstört. Damit sind zahlreiche Dokumente und Erinnerungen vom Projekt unwiederbringlich verloren gegangen. Cybersyn konnte nie realisiert werden und wurde unwiderruflich abgebrochen. Nach Ansicht der neuen Militärregierung brachte das Projekt Cybersyn keinen Mehrwert. Im Jahr 1975 beschlossen die Militärs, die neoliberalen Schocktherapien zu unterstützen, die von den Chicago Boys vorgeschlagen worden waren, einer Gruppe von chilenischen Wirtschaftswissenschaftlern, die entweder in den vorherigen Jahrzehnten bei dem amerikanischen Ökonomen und Statistiker Milton Friedman (*1912; †2006) an der University of Chicago oder bei Professoren der Katholischen Universität in Santiago studiert hatten, die um Friedmans monetaristische Wirtschaftstheorien wussten. Neben seinen Ideen waren sie auch von Friedrich August von Hayek inspiriert. Später wurden sie in Chile unter der neuen Herrschaft von Augusto Pinochets (1973 bis 1990) wirtschafts- und sozialpolitisch sehr einflussreich. Der Wirtschaftsplan sah vor, die öffentlichen Ausgaben weiter zu kürzen, die Löhne einzufrieren, den Großteil der von der staatlichen Entwicklungsagentur CORFO verstaatlichten Unternehmen zu privatisieren, die unter den Regierungen Allende und Frei durchgeführte Agrarreform rückgängig zu machen.

Systematischer Ansatz von Cybersyn

Zum Verständnis gewisser Zusammenhänge ist ein vorangestellter Blick auf die geografische Begebenheit Chiles von Nutzen: Das Land ist durch seinen Nord-Süd-Verlauf mit rund 4.300 Kilometer gekennzeichnet. Dieser Umstand stellt für die Verwaltung eine Herausforderung dar, da trotz der vergleichsweise geringen Landfläche enorme Distanzen in puncto Kommunikation und Kontrolle abgedeckt werden müssen. Die vorherige Regierung unter Präsident Eduardo Frei Montalva (Amtszeit 1964-1970) hatte 500 ungenutzte Telexgeräte (auch Fernschreiber genannt) gekauft. Diese Telexgeräte wurden in den Fabriken installiert.

Im Kontrollzentrum in Santiago de Chile verarbeitete ein Computer täglich die von den Fabriken erhaltenen Informationen. Durch die Verarbeitung dieser Informationen konnten kurzfristige Prognosen und Empfehlungen für Verbesserungen der Wirtschaftsleistung erstellt werden. Es gab vier Kontrollebenen (Unternehmen, Branche, Sektor und gesamte Nation) mit algedonischer Rückkopplung (wenn die niedrigere Kontrollebene ein Problem nicht in einem bestimmten Zeitintervall lösen konnte, wurde die nächsthöhere Ebene benachrichtigt).

Die algedonische Rückmeldung ist Bestandteil vom VSM. Dies ist ein Modell der Organisationsstruktur eines autonomen Systems, das in der Lage ist, sich selbst zu produzieren. Diese algedonische Rückmeldung sah vor, dass positive Entwicklungen belohnt wurden, während negative bestraft wurden. Die Ergebnisse wurden im Kontrollraum besprochen und es wurden weitere Pläne für die ökonomische Steuerung erstellt.

Das Netz von Fernschreibern, Cybernet genannt, war die erste operative Komponente von Cybersyn und die Einzige, die von der Regierung Allende regelmäßig genutzt wurde. Die Projektsoftware hieß Cyberstride und verwendete Bayes’sche Filter und Bayes’sche Steuerung. Dabei handelt es sich um ein rekursives probabilistisches Verfahren für die Schätzung von Wahrscheinlichkeitsverteilungen unbeobachteter Zustände eines Systems bei entsprechend gegebenen Beobachtungen und Messungen.

Nachfolgend werden die sechs Komponenten, woraus sich das Projekt Cybersyn zusammensetzte, erläutert. Während das VSM bereits davor existierte, wurden fünf dieser Module eigenes für die in Echtzeit gesteuerte Wirtschaftsplanung entwickelt – darunter ein Wirtschaftssimulator, eine maßgeschneiderte Software zur Überprüfung der Leistungs- Fähigkeit und ein landesweites Netz von Fernschreibern. Diese bildeten zusammen das Gesamt-System Cybersyn.

Viable System Model

Das bereits vor Cybersyn von Stafford Beer entwickelte VSM diente als Leitfaden für die Durchführung des Projekts. Es besteht aus drei elementaren Komponenten, die das Management und die Dynamik der Prozesse vorantreiben: Das organisatorische Umfeld oder Setting, die Operation und die Verwaltung.
Beim VSM handelt es sich um ein Modell der Struktur eines jeden lebensfähigen Systems. Ein lebensfähiges System ist jedes organisierte System, das den Anforderungen des Überlebens in einer sich verändernden Umwelt gerecht wird. Eines der wichtigsten Merkmale überlebensfähiger Systeme ist ihre Anpassungsfähigkeit an die Umweltbedingungen.

Insofern kann man mit dem VSM von einem Modell sprechen, zur effektiven Bewältigung der Komplexität einer selbst geschaffenen Organisation, die sich in einem hochkomplexen Umfeld bewegt.

Das VSM wird diversen Personen, die damit vertraut sind, als hochinteressant, nützlich für die Lösung organisatorischer Probleme und inspirierend im weiteren Sinne angesehen. Konkret heißt es, dass das VSM eine Perspektive auf Organisationen bietet, die von keiner anderen Organisationstheorie geboten werde.
Die Bestandteile (kybernetische Komponenten der VSM) eines funktionsfähigen Systems sind fünf sich gegenseitig beeinflussende Teilsysteme, die anhand der verschiedenen Aspekte der Struktur jeder Organisation ermittelt werden können.

Opsroom/Opsraum

Der Opsroom (Kontrollraum) hatte ein futuristisches Design, er kann beschrieben werden wie die Kulisse eines Science-Fiction-Films. In der Anlage handelte es sich um eine hexagonale Raumarchitektur mit Stühlen, die kreisförmig angeordnet waren. Es war kein Papier in diesem Raum vorhanden, sondern alle Informationen sollten elektronisch dargestellt werden. Die Informationen wurden auf Bildschirmen und animierten elektronischen Modellen wiedergegeben, die im ganzen Raum ausgestellt waren. Das Mobiliar bestand aus sieben Drehstühlen (die als am besten für die Kreativität geeignet galten) mit einer Schalttafel, die mehrere riesige Bildschirme steuerte, auf die Informationen projiziert werden konnten. Hinzu kamen weitere Schalttafeln mit Informationen über den Stand der Arbeiten. Der Kontrollraum wurde von Gui Bonsiepe, dem deutschen Interface-Designer und Designtheoretiker, entworfen. Jeder Stuhl hatte an seinem rechten Arm ein interaktives Steuergerät, das durch die Kombination seiner geometrischen Knöpfe Projektionsreihenfolgen auf den Bildschirmen entsprechend den Anforderungen der Benutzer aktivierte und so die externe und interne Kommunikation optimierte.

Cybersyn Render 103 - Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons
Cybersyn Render 103 – Rama, CC BY-SA 3.0 FR <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/fr/deed.en>, via Wikimedia Commons

Zusätzlich zu den großen Projektionen gab es einen Bildschirm, der den zukünftigen Zustand der chilenischen Wirtschaft unter verschiedenen Bedingungen simulierte. Bevor Preise festgesetzt, Produktionsquoten festlegt oder die Erdölzuteilung verändert wurden, konnte man anhand der Simulationen sehen, wie sich die Entscheidung auswirken würde. Die Entscheidungen sollten hier gemeinsam und im Rahmen einer Diskussion getroffen werden, daher die kreisförmige Anordnung. Mit Hilfe von Projektoren wurden hierauf aktuelle Daten, das Lagebild sowie die Berechnungen der Simulationen dargestellt. Entsprechende Vorlagen wurden in einem einheitlichen Design für die Anzeigen erstellt.

Cybernet

Cybernet war ein visionäres Kommunikationsnetz zwischen Unternehmen und Behörden. Vielleicht das erste seiner Art in der Welt, das aus einem Fernschreibernetzwerk (Telexnetz) in verschiedenen Fabriken in ganz Chile bestand.
Das ARPANET begann in den Vereinigten Staaten von Amerika seinen Betrieb 1969 mit der Vernetzung von einigen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es gilt als der Vorläufer des heutigen Internets. Für die Nutzung in Chile war das ARPANET jedoch aufgrund des Mangels an Großrechnern und den entsprechenden Kosten für die Beschaffung und Betrieb selbiger Systeme ungeeignet. Bereits 1971 wuchs das ARPANET um ein Vielfaches der vernetzten Standorte schneller als Cybernet. Es hatte jedoch einen anderen Ansatz als Cybernet, nämlich die Vernetzung von Computern und Großrechnern.
Die Installation dieser Geräte begann im November 1971. Für die Koordinierung dieses Netzes war der Ingenieur, ehemalige Marineoffizier und persönlicher Übersetzer für Stafford Beer namens Roberto Cañete zuständig, der bereits Erfahrung mit Kommunikationsnetzen gesammelt hatte.
Jede Fabrik, die unter staatlicher Kontrolle stand, verfügte über ein eigenes Fernschreibgerät, das wiederum mit zwei Großrechnern der Regierung im Kontrollraum in Santiago de Chile verbunden war. Diese Fernschreiber übermittelten den Großrechnern täglich einen stetigen Strom von Zahlen, wie z.B. Rohstoffbestände, Abwesenheitsquoten und Produktionsleistung. Eine Leistung, die noch beeindruckender ist, wenn man bedenkt, dass die meisten entwickelten Länder der Welt damals sechs Monate brauchten, um diese Art von Wirtschaftsdaten zu verarbeiten.
Die Transferanwendungen stützten sich jedoch zusätzlich auf archaische Informationsverarbeitungssysteme. Hierbei wurden die Informationen einmal täglich von den Unternehmen an die Empresa de Computación e Informática de Chile (ECOM)-Zentrale übermittelt. ECOM kann im Englischen als Chilean Computer and Information Technology Company und im Deutschen als Chilenisches Computer- und Informationstechnologieunternehmen übersetzt werden. Die Informationen wurden von Ingenieuren unter der Leitung von Isaquino Benadof verarbeitet und an die Nutzer weitergeleitet. Diese Erfindung würde den Grundstein für eine der ersten Erfahrungen mit der Übertragung von Wirtschaftsinformationen in Echtzeit in Chile unter Verwendung eines noch nie da gewesenen kybernetischen Systems legen.

CHECO

Das Projekt CHECO hatte zum Ziel, die chilenische Wirtschaft zu modellieren und Simulationen des zukünftigen wirtschaftlichen Verhaltens zu erstellen. Dies geschah mit Hilfe eines Programms bzw. einer Programmiersprache namens DYNAMO, das ursprünglich vom Professor für Informatik, Jay Wright Forrester (*1918; †2016) vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), gegen Ende der 1950er-Jahre entwickelt wurde. DYNAMO steht für DYNAmic MOdels und beschreibt eine Simulationssprache und die dazugehörige grafische Notation, die innerhalb des analytischen Rahmens der Systemdynamik entwickelt wurde. Als ursprüngliche Nutzung für DYNAMO war gedacht, es für die industrielle Dynamik zu nutzen, wurde aber bald auf andere Anwendungen ausgedehnt, darunter Bevölkerungs- und Ressourcenstudien sowie Stadtplanung.
Im Kontrollraum wurde diese Anwendung auf dem FUTURE-Bildschirm angezeigt, was dieses Instrument zu einem Reflexionsraum zur Unterstützung mittel- und langfristiger Entscheidungen machte.

Cybersyn Render 106 - Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons
Cybersyn Render 106 – Rama, CC BY-SA 3.0 FR <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/fr/deed.en>, via Wikimedia Commons

Cyberstride

Cyberstride war der Name der Software, die für das Cybersyn-Projekt entwickelt wurde. Ihre Aufgabe bestand darin, die von den Unternehmen eingehenden Informationen zu verarbeiten, sie in vordefinierte Variablen umzuwandeln und Berichte in Echtzeit und nach Ausnahmen zu erstellen. Die Informationen wurden von den Unternehmen per Fernschreiben gesendet sowie empfangen und von einem IBM System/360 Modell 50 und später einen Burroughs 3500 Mainframe Computer (Großrechner) verarbeitet.
Der Zweck bestand darin, die Berichte an diejenigen zu senden, die damit Entscheidungen treffen konnten – insbesondere an die Unternehmensleiter. Die aggregierten Unternehmensinformationen wurden in einem leicht verständlichen Format an die CORFO-Manager und an den Kontrollraum weitergeleitet.
Mit Hilfe der Bayes’schen Statistik wurden die täglichen Schwankungen in den Unternehmen ermittelt, wobei insbesondere das Harrison-Stevens-Modell (auch bekannt als die Bayes’sche statistische Vorhersagemethode) zum Einsatz kam. Währenddessen wurden die Aktivitäten der Unternehmen mit Verstärkern, Filtern und vorbestimmten Normalitäts-, Alarm- und Krisenformen definiert und ein dynamisches, vorausschauendes Modell erstellt, das mögliche Krisen vorwegnimmt und dazu beiträgt, Lösungen zu finden, bevor Krisen eintreten.
Diese Methode ermöglichte es, anhand vergangener Veränderungen der Produktionsdaten künftige Veränderungen vorherzusagen: lineare, exponentielle Veränderungen oder eine Anomalie, die zu einem normalen Zustand zurückkehrt. Die Software zeichnete nicht nur statistische Indikatoren auf und verarbeitete sie, sondern machte Vorhersagen und änderte diese, sobald neue Daten eintrafen. Sie wurde von einem Team der ECOM zusammen mit der britischen Tochtergesellschaft von Arthur Andersen (eine der ehemaligen Big-Five-Wirtschaftsprüfungsgesellschaften) durchgeführt.

Cyberfolk

Cyberfolk war ein Experiment, das vom Cybersyn-Team durchgeführt wurde. Das Konzept bestand darin, den Menschen die Möglichkeit zu geben, aus der Ferne und in Echtzeit mit Politikern und Verwaltungsangestellten in Verbindung zu treten. Dadurch konnten sie theoretisch Regierungsentscheidungen debattieren und sich somit demokratisch an den Entscheidungen beteiligen.
Das zu diesem Zweck entwickelte System ermöglichte es den Sitzungsteilnehmern, ihre Zustimmung oder Ablehnung zum Verlauf der Diskussionen zu äußern. Dazu benutzten die Teilnehmer einen persönlichen Drehknopf, mit dem sie ein Echtzeitsignal an ein aus Holz und analogen Schaltkreisen bestehendes Gerät senden konnten. Dieses Gerät fasste die persönlichen Signale zusammen, und das Ergebnis wurde auf einem halbkreisförmigen Diagramm dargestellt, das an einem Ende zustimmen und am anderen nicht zustimmen anzeigte. Mit diesem Gerät konnte die Zufriedenheit der Teilnehmer mit dem Verlauf der Sitzung ermittelt werden (Stafford Beer nannte dieses Gerät Algedonometer). Die Idee, die an das heutige offen gesprochene Wort in den sozialen Medien erinnert, bestand darin, Echtzeit-Reaktionen der Menschen zu ermöglichen, indem sie die algedonische Schleife von Cyberfolks aktivieren und ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit angeben.
Das System war ein Instrument zur Demokratisierung des Entscheidungsprozesses der Regierung, das den Menschen die Möglichkeit gab, sich selbst auszudrücken und aktiv an der Entscheidungsfindung in ihren Unternehmen und Gemeinden teilzunehmen.
Um in einem sozialen System angewendet zu werden, das nicht an den Umgang mit solchen Instrumenten gewöhnt war, war das System jedoch zu fortschrittlich. Diese Art von Analogem People Meter (ein Messinstrument, um die Fernsehgewohnheiten von Zuschauern zu erfassen), hätte von der Bevölkerung und der Regierung missbraucht werden können. Dieses System verlangte von den Beteiligten ein Höchstmaß an Engagement und Ehrlichkeit, was zu dieser Zeit aufgrund der sozioökonomischen Instabilität in Chile nicht möglich war.

Kritik an Cybersyn

Mit dem Projekt Cybersyn wird seit seiner Entwicklung auf verschiedenen Ebenen diskutiert und transferiert. Darunter gesellschaftlich von Betroffenen und Experten, meist auch entsprechend konträr. Dies geschieht unter anderem im wissenschaftlichen wie auch im (netz)politischen Kontext.

Der Ansicht von Raúl Espejo im Jahre 1990 nach haben die meisten Kritikpunkte an Cybersyn zwei Wurzeln: Zuallererst ein falsches Verständnis des konzeptionellen Rahmens – hier in Form des VSM. Zweitens die Tatsache, dass Cybersyn methodische Schwächen aufwies. Seiner Meinung nach konnten die meisten Kritiker nicht zwischen Methodik und Modell unterscheiden. Daher haben Sie in der einen oder anderen Form dem Modell die vermeintlichen methodologischen Schwächen zugeschrieben. Diese Verbindung hat möglicherweise – so seiner Ansicht nach – dazu geführt, dass die Bedeutung der Management-Kybernetik für den sozialen Wandel nicht richtig eingeschätzt wurde. Daher lag der größte Schwachpunkt bei Cybersyn nicht in der Konzeption, sondern in der Umsetzung. Entsprechend können keine Lernschleifen effektiv sein, wenn die hiermit verbundenen kybernetischen Schleifen nicht angemessen sind. Aus einer Reihe von Gründen waren die Strukturen des chilenischen, öffentlichen und industriellen Sektors schwach, zusätzlich trat hier das größere und allgemeinere Problem auf, dass die Betroffenen nicht die Notwendigkeit einer guten Kybernetik sahen. Entsprechend hätte die Verwirklichung dieser Behauptung eine stärkere Konzentration auf die weicheren Aspekte des Prozesses implizieren müssen. Dies bedeutet auf das Problem der Menschen und die Verbesserung der Kybernetik der industriellen Wirtschaft einzugehen, und nicht auf die Entwicklung von Instrumenten zur Unterstützung des spezifischen Lernens.

In einem Rückblick 2021 auf das Projekt zog Raúl Espejo, der in Cybersyn als Projektleiter war und im Jahr 2017 zwischenzeitlich zum Präsidenten der World Organisation of Systems and Cybernetics (WOSC) ernannt wurde, zudem das Fazit, dass Cybersyn eine Vision einer kybernetischen Steuerung einer Nation umsetzen wollte. In den 1970er Jahren waren Netzwerke und digitale Gesellschaften, wie sie heute existieren, noch Jahrzehnte entfernt. Nach einem halben Jahrhundert, das vergangen ist, sollte angesichts der sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen in einer Welt, die von Pandemien und dem Klimawandel betroffen ist, über ihre heutige Bedeutung nachgedacht werden. Beers Vorstellungskraft war den Ressourcen und Fähigkeiten, die im Chile der 1970er-Jahre zur Verfügung standen, weit voraus. Es gibt Momente in der Sozialgeschichte, in denen die Utopie einer gerechteren Gesellschaft mit hohen Erwartungen an Solidarität und Respekt für die weniger Privilegierten trotz der schwachen Realitäten nicht weit hergeholt ist.

Um eine gute Wirtschaft zu schaffen, bedarf es einer effektiven Organisation, und dafür ist das VSM ein leistungsfähiges Instrument. Es bietet eine wirksame rekursive Struktur für die Umsetzung und Anpassung der Wirtschaftspolitik der Regierung. Insbesondere war es notwendig, von den Betrieben bis zu CORFO Beziehungen der Autonomie und Kohäsion herzustellen.

Mit dem Cybersyn-Projekt zielte man auf die systemische Organisation einer Gesellschaft ab, nicht als eine Ansammlung isolierter Individuen, die durch den Markt miteinander verbunden sind. Entsprechend auch nicht als zentralisierte Gesellschaft, in der eine elitäre Gruppe ihre Zukunft plant, sondern als zusammenhängende Gesellschaft mit einem großen sozialen Kapital von Bürgern, die sich für die Gestaltung ihrer eigenen Zukunft engagieren. Es war jedoch schwierig, die Komplexität dieses Wandels zu erfassen. Die Erfahrungen der Sozialisten, etwa in der Sowjetunion und in Kuba, beruhten auf einem zentralisierten Wirtschaftsmodell und wurden auf den Schultern von Millionen von Menschen aufgebaut, die dem Diktat eines Planungssystems folgten, das die Ansichten einer relativ kleinen Gruppe von Bürokraten und Experten widerspiegelte. Die Durchsetzung einer zentralisierten Planung war in Chile nicht möglich, die langjährige demokratische Tradition des Landes hatte diese Option schwierig, wenn nicht gar unmöglich gemacht.

Ein weiteres Problem war, dass viele Unternehmen verstaatlicht wurden und dadurch ein Problem der Kontrolle entstand. Es fehlten entsprechende Ressourcen, dieses Konvolut an Unternehmen zu kontrollieren. Ebenfalls fehlten der Regierung die entsprechenden Erfahrungen in der Verstaatlichung in einem so großen und schnellen Umfang. Cybersyn sollte den Präsidenten Allende und seine Wirtschaftsplaner auf Probleme aufmerksam machen, aber es gelang ihm nur, die Probleme zu melden, die die örtlichen Fabrikmanager melden wollten. Probleme, die sie verheimlichen wollten, konnten sie auch problemlos verheimlichen. Dementsprechend war es in guten Zeiten schwer, die Fabrikmanager dazu zu bewegen, überhaupt nützliche Informationen zu telexen. Ein Umstand, den Friedrich August von Hayek in einem 1945 veröffentlichten Artikel („The use of knowledge in society“) vorwegnahm. Hayek hatte erkannt, was Allende und Beer nicht zu wissen schienen: Dass eine komplexe Welt voller Wissen ist, das lokal begrenzt und flüchtig ist. Entscheidend ist, dass die lokale Information oft etwas ist, das die lokalen Akteure lieber für ihre eigenen Zwecke nutzen würden. Hayeks Aufsatz stammt aus der Zeit vor den modernen Computern, aber sein Argument wird seine Kraft bis zu dem Tag behalten, an dem Computer unsere Gedanken lesen können.

Allende und Beer betonen die Bedeutung individueller Freiheiten und die Notwendigkeit der Dezentralisierung, erkennen aber auch Situationen an, in denen, wie Beer es beschreibt, „die Bedürfnisse einer Abteilung explizit den Bedürfnissen anderer Abteilungen geopfert werden müssen.“ So hat das kollektive Wohlergehen des Staates oder die Homöostase (Deutsch: Gleichstand) des Systems Vorrang vor den Mechanismen, die zur Gewährleistung von Autonomie und Freiheit entwickelt wurden. Beer zufolge kann dieser Wertekonflikt nur an der Spitze gelöst werden. Eine Überzeugung, die durch Allendes Entschlossenheit untermauert wird, dass die chilenische Regierung trotz der gesetzlichen Bestimmungen, die der Opposition gleiche Rechte einräumten, eine Politik zum Schutz der Rechte und Interessen der Arbeitenden verfolgen würde.

Das Problem der steigenden Arbeitslosigkeit konnte von Cybersyn nicht wirksam angegangen werden, da das Projekt schnell beendet wurde. Darüber hinaus ist im sozialistischen Ansatz die Verhinderung von Arbeitslosigkeit ein zentrales Ziel.

Die Kybernetik wurde als eine praktisch angewandte Wissenschaft verstanden, um die entsprechenden Arbeitsabläufe systematisch zu planen und koordinieren zu können. Diese wurde zu den Zeiten des Kalten Krieges ebenso von den Kapitalisten, wie von den Kommunisten als die Bestätigung ihrer jeweiligen ideologischen Vorstellungen verstanden. Dabei dient heute die Kybernetik vor allem der praktischen Optimierung von wirtschaftlichen Abläufen und auch nicht immer im Sinn der Arbeitnehmenden und der Konsumierenden.

Die chilenische Politik war jedoch alles andere als beständig. Die kybernetische Synergie war ein sicheres Thema für das relativ ruhige erste Jahr von Allendes Herrschaft: Die Wirtschaft wuchs zu dieser Zeit, die Sozialprogramme wurden erweitert, die Reallöhne stiegen. Doch die Ruhe währte nicht lange. Allende, der durch die Unnachgiebigkeit seiner parlamentarischen Opposition frustriert war, begann per Dekret zu regieren, was die Opposition dazu veranlasste, die Verfassungsmäßigkeit seines Handelns in Frage zu stellen. Auch die Arbeitenden begannen, ihre Unzufriedenheit offen auszudrücken, indem sie Lohnerhöhungen forderten, die die Regierung nicht gewähren konnte. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die befürchteten, dass der chilenische Weg zum Sozialismus bereits gefunden sein könnte, mischte sich ebenfalls in die Politik des Landes ein und versuchte, einige der angekündigten Reformen zu vereiteln.

Gerade die Interventionen der Vereinigten Staaten zielten darauf ab, die Wirtschaft von Chile zu destabilisieren. Dieser externe Faktor sollte bei der Betrachtung des Scheiterns von Cybersyn im Rahmen der politischen als auch der wirtschaftlichen Führung nicht vernachlässigt werden.

Schließlich bleibt noch zu nennen, dass das System sowohl in der nationalen als auch in der internationalen Presse für die Durchführung der Überwachung unter dem Stichwort Big Brother kritisiert wurde. Hier wurde beanstandet, dass die Grundrechte des einzelnen Individuums für einen mächtigen Staatsapparat geopfert werden. Die chilenischen Oppositionsparteien und die rechte nationale Presse übten ähnliche Kritik, um in der Öffentlichkeit Gefühle der Unsicherheit und Angst vor dem Projekt zu wecken. Diese feindseligen Lesarten des Cybersyn-Projekts spiegelten die Ängste vor dem Kalten Krieg und dem Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus in Chile wie auch in anderen Ländern der Dritten Welt wider

In der Reflexion des Projektes Cybersyn und der Gründe seines Scheiterns existieren diverse Ansatzpunkte für Kritik an der Praktik. Hierbei lässt sich zwar festhalten, dass es ein sehr ambitioniertes Konzept war, was trotz der damaligen Mittel, die zur Verfügung standen, Bemerkenswertes geschaffen hat. Dazu gehörte hier die funktionale Vernetzung von zahlreichen Fabrikstandorten mit einfachen Möglichkeiten wie den Fernschreibern, statt auf komplexe Computer-Systeme in den Fabriken zu setzen. Am Ende gab es jedoch nur einen richtigen einzigen Einsatz von Cybernet, denn durch das Kommunikationssystem konnten die Fahrten während des Streiks koordiniert werden. Aus dem Mangel an den technischen Ressourcen und Kosten haben die damaligen Ingenieure um Stafford Beer ohne Zweifel vieles geleistet. Die Visionen der kybernetischen Steuerung waren der damaligen Zeit voraus. Dazu zählt unter anderem die Verbindung, die durch die Projektumsetzung erstmals mit Computertechnologie und dem VSM-System sowie Cybernet entstand. In den 1970er-Jahren erlebte die Informationstechnik durch die Verwendung der Mikroprozessortechnologie einhergehend mit der Miniaturisierung und weitergehender Kostenersparnis einen massiven Entwicklungsschub. Computer fanden nach und nach sogar Einzug in einzelne Haushalte.

Zu bedenken sei außerdem der politische Rahmen. Die Idee des Projektes entsprang aus den Köpfen weniger, bereits beschriebener Akteure. Hierbei handelte es sich allerdings nicht um den breiten gesellschaftlichen Willen. Die Bevölkerung wurde nicht bei der Entwicklung beteiligt, der Partizipationsgedanke wurde zwar perspektivisch, jedoch nicht am Anfang des Projektes bedacht. Die Beteiligung der Zivilbevölkerung sollte erst später erfolgen, wie es in den vorherigen Prozessen beschrieben ist. Am Ende steht immer das Volk, dies wird auch in angeführten Abbildungen deutlich. Heute vermag es ein solches Systems wie Cybersyn nicht mehr ohne die Beteiligung der Öffentlichkeit und frühe Einbeziehung dieser zu funktionieren und könnte bereits bei der Konzeptionierung scheitern.

Ausblick

Das Projekt Cybersyn kann als ein Beispiel angesehen werden, wie ein multinationales Team ein neues technologisches System entwickelt. Mit diesem System sollten strukturelle und soziale Veränderungen durchgeführt und politische und soziale Werte integriert werden. Zudem sollte die kulturelle und die technologische Abhängigkeit vom Westen überwunden werden. Die aktuellen Produktionsdaten wurden von den Betrieben an die Regierung weitergeleitet. Diese Informationen wurden in statistische Softwareprogramme eingegeben, die Trends und schrittweise Veränderungen erkennen und außergewöhnliche Datenberichte liefern sollten. Das Management konnte dann die Bedeutung dieser Schwankungen beurteilen und rechtzeitig handeln.

Der Mangel an der niedrigen Anzahl von Computern im Land wurde von den Entwicklern durch Kreativität gelöst. Dazu zählen die eigene Entwicklung der Software oder die Lösung hinsichtlich der Fernschreiber. Chile unterlag Wirtschaftssanktionen, was den Import von Material und Technik erschwerte. Aber im Ergebnis handelt es sich nicht um praktizierten Sozialismus in Echtzeit, auch nicht um Big-Data zu der damaligen Zeit oder um eine KI. Schlussendlich verbarg sich auch wenig Automatisierung hinter der Konzeption. Im Fazit bleibt dennoch abschließend zu nennen, dass es sich um ein Stück lateinamerikanischer Technikgeschichte handelt, was vor allem im Vergleich zum damaligen Stand der Technik in dieser Region beachtlich war.

Gerade der letztgenannte Punkt werden, ob es Technikgeschichte oder die Geschichte einer Utopie ist, erscheint noch als bedenkenswerter Gedanke. Letztlich nahm jedoch das Interesse an der kybernetischen Forschung Ende der 1970er-Jahre beziehungsweise Anfang der 80er ab. Die damalige Planungseuphorie, die auch mit dem VSM verbunden war, wandelte sich in Desinteresse um. Ende der 1990er-Jahre bis zum Anfang des nächsten Jahrzehnts erlangten wiederum Kommunikationsnetzwerke einen höheren Stellenwert. Es wurde sich vom dezentralen Groß-Projekt wie Cybersyn distanziert und das Interesse richtete sich vermehrt auf dezentrale Kommunikationsnetzwerke. Der Vorläufer des heutigen Internets ist das ARPANET, welches zuerst militärisch genutzt wurde und später auch zivil. In den 1970er-Jahren gab es keine netzpolitischen Diskurse, wie sie heute geführt werden.

Cybersyn war seiner Zeit voraus, auch die Umsetzung von Cyberfolk war schwierig zu realisieren, da die Implementierung von Cyberfolk einen Fernseher voraussetzt. Jedoch besaßen damals – im Gegensatz zu heute – eine Vielzahl der Haushalte keinen Fernseher. Bezüglich der Automatisierung ist anzumerken, dass das Cybersyn die Daten verarbeiten konnte, aber es nicht immer in Echtzeit passierte, sondern aufgrund der Verarbeitung großer Datenmengen eher von einer Fast-Echtzeit gesprochen werden kann.

In einem Konzeptpapier von Eden Medina werden in dem Beitrag fünf Lehren aus der Geschichte von Cybersyn gezogen. Diese stehen im Zusammenhang mit den aktuellen Herausforderungen im Bereich der Datenverarbeitung und zeigen einen Weg in die Zukunft auf. Die Lehren lauten verkürzt dargestellt: Erstens sei der Staat ist wichtig; zweitens haben ältere Technologien einen Wert; drittens verhindere der Schutz der Privatsphäre Missbrauch und bewahre die menschliche Freiheit; viertens sei algorithmische Transparenz wichtig; und schließlich führe das Denken in sozio-technischen Systemen anstelle von technologischen Lösungen zu einer besseren Nutzung der Technologie.

Cybersyn lief nur wenige Monate, zeigte aber die Vorteile der Anwendung kybernetischer Konzepte in der Verwaltung sowie die Bedeutung des Kommunikationsnetzes für eine gute Verwaltung. Das Projekt Cybersyn zielte darauf ab, ein wirklich kollektives Verwaltungssystem zu schaffen, das effektiver und demokratischer sein sollte als der Kapitalismus und das sowjetische Fünfjahresplanmodell.

Die digitale Vernetzung der Fabriken war in der damaligen Zeit ein Novum. Erstmals gab es Echtzeit-Rückmeldungen aufgrund eines Computersystems, das mit Telexgeräten verbunden war. Insofern war dies der erste Ansatz eines IoT mit einer zentralen Steuerung. In einem futuristischen Kontrollzentrum (Opsroom) sollten durch Menschen die ökonomischen Entscheidungen aufgrund von verschiedenen Simulationen und Szenarien, die dort den Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt wurden, getroffen werden. Langfristig sollte sich eine Data-Driven-Economy etablieren. Sozialökonomische Ansätze wie einen Zufriedenheits-Meter sollten in den Haushalten etabliert werden. Dies wurde von Strafford Beer als Algedonometer bezeichnet.

Nicht unkritisch sollte betrachtet werden, dass die Algorithmen von Wenigen festgelegt worden sind und dies nicht unbedingt demokratisch erfolgte, sondern im Verborgenen. Das System sollte vielmehr die Kontrolle in die Hände der Arbeitenden geben, aber dies war in dem Fall der Algorithmen nicht deutlich transparent ausgestaltet.
Dem politischen Rahmen, dem Chile in der Zeit vor 1970 unterlag, war die Besonderheit zu eigen, dass die Transformation von dem bisherigen System in den Sozialismus herbeigeführt werden sollte. Insgesamt lässt sich feststellen, dass es sich bei Cybersyn um eine moderne, computergestützte Form des Sozialismus handelte. Diese wies einen hohen Vernetzungsgrad der Unternehmen, eine zentrale Steuerung durch entsprechende Algorithmen sowie mit Hilfe des Kontrollraums eine Verbindung zu den Menschen des Landes auf.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass trotz der kurzen Amtsdauer von Präsident Allende (1970-1973) und dem erfolgten Aufbau des Projekts Cybersyn ein sehr interessanter Ansatz verfolgt wurde, der aufgrund von verschiedenen Einflüssen nicht vollständig umgesetzt wurde. Diese Einflüsse waren auf der einen Seite die politischen, auf der anderen Seite aber auch die wirtschaftlichen. Hier sind auch jene zu nennen, die von externen Institutionen (US-Regierung – CIA) gesteuert worden sind. De facto hat aber das System nur in einem Einsatzfall funktioniert und dies war der LKW-Fahrer Streik. Hier konnte das System seinen hohen Vernetzungsgrad durch die Telexgeräte ausspielen.

Die bleibende Bedeutung des Projekts Cybersyn liegt in der Demonstration der Anwendung kybernetischer Prinzipien auf die Regierung eines Landes und in seinen vielen innovativen Aspekten. Seine Unzulänglichkeiten liegen in den Grenzen der zeitgenössischen Technologie, die von den kapitalistischen Konkurrenten in den folgenden Jahrzehnten angegangen wurden. Am Ende wurde das Projekt begraben und gleichzeitig der ehrgeizigste Plan in der historischen Zeit vor dem Internet, in der die Maschinen einer Entwicklung sehr nahekamen, von der man zuvor nicht einmal geträumt hatte. Heute ist es unmöglich zu wissen, wie weit dieser Traum von Beer, den Allende als eine Art sozialistisches Internet für das Volk akzeptierte, gegangen wäre. Somit bleibt abschließend die Frage, ob eine Revolutionierung der chilenischen Wirtschaft, ja sogar der ganzen Welt, auf diesem Weg hätte gelingen können, offen.


Foto: Cybersyn Render 107 – Rama, CC BY-SA 3.0 FR , via Wikimedia Commons

Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

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