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ZDF-Recherche zu Marlene P.: Illegale Pestizide offenbar trotz Todesfällen weiter im Einsatz

Fast zwei Jahre nach dem Tod der Leuphana-Studentin Marlene P. während ihres Auslandssemesters in Istanbul zeigt eine neue ZDF-Investigativrecherche, dass der Einsatz hochgiftiger Pestizide in Wohnhäusern und Hotels offenbar weiterhin ein gravierendes Problem ist. Trotz mehrerer Todesfälle und bereits erfolgter Verurteilungen sollen nicht lizenzierte Schädlingsbekämpfer das problematische Mittel Aluminiumphosphid noch immer einsetzen.

Die Dokumentation „Vergiftet in Istanbul: Tod durch Pestizide“ des ZDF-Formats „Die Spur“ rekonstruiert den Fall der 21-jährigen Studentin und ordnet ihn in eine deutlich größere Problematik ein. Nach Angaben der Reporterinnen Julia Lösch und Rebecca Klose konnten gemeinsam mit türkischen Journalist:innen mehr als 30 mutmaßliche Aluminiumphosphid-Vergiftungen aus den vergangenen vier Jahren identifiziert werden. Viele dieser Fälle wurden der Reportage nach juristisch bislang nicht umfassend aufgearbeitet.

Aluminiumphosphid (AlP) ist ein hochtoxisches Schädlingsbekämpfungsmittel in Form von Tabletten oder Pellets. Bei Kontakt mit Feuchtigkeit setzt es das extrem giftige und lebensgefährliche Gas Phosphorwasserstoff (Phosphin) frei. Es ist in Deutschland nicht frei verkäuflich und darf ausschließlich von geschultem Fachpersonal eingesetzt werden. Die Anwendung von Aluminiumphosphid unterliegt strengen Sicherheitsvorschriften. Insbesondere der Einsatz in bewohnten Räumen kann aufgrund der Freisetzung von Phosphin lebensgefährlich sein.

Marlenes Fall war offenbar kein Einzelfall

Marlene P. war im Herbst 2024 für ein Auslandssemester nach Istanbul gereist. Wenige Wochen später klagte sie gemeinsam mit ihren Mitbewohnern über Übelkeit, Erbrechen und starke Schwäche. Kurz darauf verlor sie das Bewusstsein und verstarb im Krankenhaus.

Erst Monate später ergaben Gutachten, dass sie mutmaßlich an den Folgen einer Vergiftung mit Aluminiumphosphid starb. Der Stoff war nach bisherigen Erkenntnissen in einer Wohnung unterhalb ihrer Wohngemeinschaft zur Bekämpfung von Bettwanzen eingesetzt worden. Dabei entstand das hochgiftige Gas Phosphin, das sich im Gebäude ausbreiten konnte.

Bereits im November 2025 und erneut im April 2026 hatte Univativ ausführlich über den Stand der Ermittlungen berichtet. Bis heute gibt es im Fall Marlene P. jedoch keine Anklage und keinen Gerichtstermin.

Parallelen zur Familie Böcek

Die ZDF-Dokumentation zieht deutliche Parallelen zum Tod der Hamburger Familie Böcek. Die vier Familienmitglieder verstarben Ende 2025 während eines Urlaubs in Istanbul ebenfalls an den Folgen einer Aluminiumphosphid-Vergiftung. Auch dort hatten Ärzte zunächst eine Lebensmittelvergiftung vermutet und die Familie aus dem Krankenhaus entlassen. Sie kehrte in ihr Hotel zurück, wo sie der tödlichen Belastung durch das hochgiftige Phosphingas weiterhin ausgesetzt waren.

Im Gegensatz zum Fall Marlene P. wurden in diesem Verfahren inzwischen einige Verantwortliche aus dem Hotel sowie einer Schädlingsbekämpfungsfirma verurteilt.

Häufig dieselben Symptome – häufig dieselbe Fehldiagnose

Nach Recherchen des ZDF weisen viele der untersuchten Fälle ein ähnliches Muster auf. Betroffene klagen zunächst über Übelkeit, Erbrechen oder Schwindel – Beschwerden, die häufig als Lebensmittelvergiftung interpretiert werden. Verlassen die Erkrankten das belastete Gebäude, bessern sich die Symptome zunächst, weshalb sie teilweise wieder in ihre Unterkunft zurückkehren. Dort sind sie dem giftigen Phosphingas jedoch erneut ausgesetzt.

Der Anwalt der Familie Böcek kritisiert deshalb, dass bei entsprechenden Symptomen häufiger nach kürzlich durchgeführten Schädlingsbekämpfungen gefragt werden müsse. Nur so könne eine mögliche Vergiftung rechtzeitig erkannt werden.

Mitbewohner schildert übersehene Hinweise

Besonders eindrücklich schildert die Dokumentation die Aussagen von Max, einem ehemaligen Mitbewohner Marlenes. Er überlebte die Vergiftung nur knapp. Nach seinen Angaben habe er die behandelnden Ärzte bereits früh darauf hingewiesen, dass wenige Tage zuvor Arbeiten zur Schädlingsbekämpfung im Gebäude stattgefunden hätten. Dieser Hinweis sei zunächst nicht weiter verfolgt worden.

Erst später sei klar geworden, dass Aluminiumphosphid als Ursache infrage kam.

Verdeckte Recherche deckt weitere Missstände auf

Besonders brisant sind die Ergebnisse der verdeckten Recherche der Journalist:innen. Mehrere Anbieter erklärten sich demnach bereit, Aluminiumphosphid trotz der geltenden Vorschriften weiterhin in Wohnungen oder Hotels einzusetzen. Das Mittel darf in der Türkei ausschließlich unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen und nur für spezielle Einsatzbereiche wie Lagerstätten verwendet werden – nicht jedoch in Wohngebäuden oder Hotels.

Die Recherche legt damit nahe, dass illegale Anwendungen des hochgiftigen Pestizids auch nach den bekannt gewordenen Todesfällen weiterhin stattfinden.

Viele Fragen bleiben offen

Die Dokumentation weist außerdem darauf hin, dass Hinweise auf eine mögliche Pestizidvergiftung nach Angaben der Reporterinnen nicht immer vollständig in Ermittlungsunterlagen auftauchten. Ob dies auf Dokumentationsfehler oder andere Ursachen zurückzuführen ist, bleibt offen. Stellungnahmen der zuständigen Gesundheitsbehörden erhielten die Journalist:innen nach eigenen Angaben nicht.

Ein Fall mit Bedeutung für die Leuphana

Für viele Studierende der Leuphana bleibt der Tod von Marlene P. bis heute unbegreiflich. Was zunächst wie ein tragischer Einzelfall erschien, ordnet die ZDF-Recherche nun in einen größeren Zusammenhang ein. Sollte sich bestätigen, dass Aluminiumphosphid weiterhin illegal in Wohnhäusern und Hotels eingesetzt wird, wirft das grundlegende Fragen nach der Kontrolle gefährlicher Pestizide und der Aufarbeitung entsprechender Todesfälle auf.

Für Marlenes Familie hat sich an der zentralen Forderung nichts geändert: eine vollständige Aufklärung der Umstände ihres Todes und die strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die den Einsatz des hochgiftigen Mittels zu verantworten haben.

Die Dokumentation „Vergiftet in Istanbul: Tod durch Pestizide“ ist seit dem 8. Juli 2026 in der ZDF-Mediathek verfügbar.


Mit Material des ZDF („Die Spur“).
Foto: Erinnerungen vor Gebäude 9 auf dem Campus – Christopher Bohlens – Bild aus November 2024 – Aus Datenschutzgründen verpixelt.

Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

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