Von der Freiheit
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Von der Freiheit

Schlimmer als ein goldener Käfig: einer ohne Gitter. / (C) flickr - Yen H Nguyen
Schlimmer als ein goldener Käfig: einer ohne Gitter. / (C) flickr – Yen H Nguyen

“Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdunkenden.” Dieses Bonmot von Michael Jordan, des wohl größten Philosophen unser Zeit seit dem Macher der Facebookseite Nachdenkliche Sprüche mit Bilder, betrifft bei weitem nicht nur Basketball.

Doch die in diesem Sinnspruch anklingende Art von Freiheit ist bereits umgesetzt, steht doch das Beef Magazin im Bahnhofkiosk friedlich neben VeganLife, hat LeBron James, definitiv ein Andersdunkender, schon lange mehr Twitter-Follower als Michael Jordan je besaß. Und, so kann man sich fragen, kann es denn noch mehr Freiheit geben als die freie Wahl dessen, was hinterher in der Schüssel landet, und des bevorzugten Kommunikationskanals zum Empfang von Katzenvideos? Wohl kaum. So ist die Meinungsfreiheit gänzlich umgesetzt. Dumme ostdeutsche Arbeitslose, die mehr Deutschlandfahnen auf dem Stuhl als Hirnzellen im Kopf haben, dürfen alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren und ich darf vice versa alle dummen Ostdeutschen über einen Kamm scheren. Schöne neue Meinungsvielfalt.

Wir sind angekommen in der Freiheit, möchte man meinen.

Müssen uns nicht mehr äußeren Zwängen unterwerfen, nicht mehr fürs bloße Überleben unter menschenverachtenden Zuständen in trostlosen Fabriken Monokel für die Oberschicht schmieden oder gar unsere Hände bei der Feldarbeit schmutzig machen.

Vom unterworfenen Subjekt zum freien, sich selbst erfindenden Projekt. Projekt Ich.

Doch sind wir dadurch wirklich frei? Sind wir nicht vom fremden Zwang zum selbstgemachten Leistungszwang gewechselt? Haben wir nicht die Fesseln des Sollens abgelegt zugunsten einer auf Selbstoptimierung ausgelegeten Kultur des Könnens? Von Du sollst deinen Job erledigen zu Ich könnte ja noch einen Business-Japanisch-Abendkurs machen?

Diese Freiheit erzeugt, obwohl frei sein frei von Zwängen sein bedeutet, selbst Zwänge. Es ist eben nicht mit der einen Freundin/Job/Urlaub/Hobby getan, es kann immer noch prestigeträchtiger, sinnvoller, schöner, besser sein. Und da wir in einer Welt unendlicher Optionen nie zu einem hunderprozentig zufriedenstellenen Ergebnis kommen können, sind wir gezwungen, weiter zu suchen. Denn das oben genannte Sollen hat eine Grenze, es ist irgendwann erfüllt. Das Können aber ist grenzenlos.

“Wir sind ein Volk von Verbrauchern. Krawatten und Konformismus, Hemden und Nonkonformismus, alles hat seine Verbraucher, wichtig ist nur, dass es sich – ob Hemd oder Konformismus – als Markenartikel präsentiert.”

Diese Zeilen, so modern sie klingen, wurden bereits 1960 verfasst, vom großen Moralschriftsteller Heinrich Böll in seinem Aufsatz “Hierzulande”.

Ein Volk von Verbrauchern also. Ausgestattet mit der Freiheit, im Supermarkt zwischen 10 Joghurtsorten wählen zu können. Ausgestattet mit der Freiheit, immer und überall shoppen zu können, unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Ausgestattet mit der Freiheit, Freunde auf anderen Erdteilen für wenig Geld jederzeit besuchen zu können.

Warum also über Freiheit schreiben, wenn sie doch bereits umgesetzt ist und uns so schön auf einem Silbertablett präsentiert wird?

Weil eine andere Freiheit auf der Strecke geblieben ist.

Wir können über alle Grenzen hinweg in Kontakt bleiben, aber können wir noch Beziehungen zu anderen aufbauen, die frei von Zweck sind?

Wir können Reisen zu anderen Kulturen unternehmen. Doch wird die Möglichkeit nicht zum Zwang, wenn es alle tun? Wenn man am Ende der einzige ohne “Spanisch: fließend” im Lebenslauf wäre?

Wir können uns der Masse verweigern, müssen nicht konsumieren. Doch dient nicht auch das mittlerweile dazu, uns “als Markenartikel” zu präsentieren, wie Böll sagte. Die Freiheit, ganz man selbst zu sein, gibt es nicht mehr.

Ich denke, wir sollten uns mal wieder Gedanken über unsere Freiheit machen. Vielleicht erinnern wir uns dann wieder daran, dass wahre Freiheit in ehrlichen Beziehungen, ungezwungener Freizeit und einem selbstbestimmten Leben Audruck findet. Und nicht in endlosen Möglichkeiten und dem Piepen der Supermarktkasse.

Autor: Ernst Jordan

5. Januar 2016

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Ernst Jordan dont wait for me, if i care bout anything, anywhere losin myself, i get the stares what im lookin at, wasnt there (wasnt there)