Stand-up in einer Fremdsprache: Wie Sherzad Kulturen mit Humor verbindet

Vor drei Jahren kam Sherzad aus dem Irak nach Deutschland. Vor ein paar Wochen hatte er in Lüneburg seinen ersten Auftritt als Stand-up-Comedian. Auf Deutsch. Im Interview erzählt er, wie er zur Stand-up-Comedy kam und welche Eigenheiten sowohl der Irak als auch Deutschland aus seiner Sicht haben.

Abends steht Sherzad Hababa (28) als Stand-up-Comedian auf der Bühne, tagsüber gibt er Sprachkurse für Deutsch als Fremdsprache. Statt Mikrofon und Scheinwerfern stehen heute Ordner und Computer vor ihm. Bevor das Gespräch beginnt, bietet er Schokolade an und schenkt Wasser ein.

Sherzad, was ist dein Lieblingswitz?

Mein Lieblingswitz ist über Sprache, besonders über die deutsche Grammatik. Solche Witze kann man gut mit Kultur verbinden. Zum Beispiel Witze über Pronomen.

Erzähl mal.

Man muss beim Deutschlernen drei, vier Jahre nur Verben lernen und für jedes Verb gibt es eine Tabelle: Ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie. Und dann kommen Leute, die beim Kennenlernen sagen: „Ich bin Alex und ich habe keine Pronomen.“
Ich finde auch die Artikel hier in Deutschland sind komisch. Bei Verkehrsmitteln zum Beispiel: Der Artikel für Auto ist „das“, also neutral. „Der Bus“- warum ist das Geschlecht männlich? Oder „die Bahn“ weiblich? Okay, die Bahn kommt immer mit Verspätung, das ist schon logisch, dass sie weiblich ist. (lacht)

Wie ist das denn im Arabischen?

Also meine Muttersprache ist Kurmancî. Das ist so ähnlich wie Kurdisch. Hier gibt es nur einen Artikel, ähnlich wie beim Englischen „the“.

Du bist aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Magst du erzählen, warum?

Ja, also Krieg gibt es aktuell im Irak nicht. Als ich im Irak war, war der Krieg fast vorbei. Das war 2023. Ich komme aus Shingal im Nordirak und ich bin von dort geflohen, weil ich aus einer Minderheit bin – den Jesiden. Und die Mehrheiten [die Muslime; Anm. der Red.] haben uns nicht akzeptiert, wegen unseres Glaubens, unserer Religion. Die meinten, dass wir ungläubige Menschen sind. Und wir haben auch viele Genozide erlebt. Schon meine Eltern und Großeltern. Der letzte Genozid gegen Jesiden war 2014. Nach 2014 konnte ich nicht direkt das Land verlassen, weil die Situation ganz kompliziert war. 2023 habe ich die Chance bekommen.

Gab es damals einen speziellen Anlass oder war es einfach ein Zeitfenster, in dem eine Flucht für dich gepasst hat?

Also seitdem wir unsere Situation im Irak haben, haben wir schon geplant zu gehen, weil wir dachten, dass wir nicht zu diesem Land passen, weil wir nicht akzeptieren wurden und werden. Aber man musste erstmal so viel arbeiten und Geld verdienen für den Fluchtweg. 2023 hat mein Budget für den Fluchtweg gereicht.

Bist du alleine gekommen oder mit deiner Familie?

Ich bin alleine gekommen, aber ich habe dann Gruppen in der Türkei getroffen, mit denen ich dann zusammen gekommen bin.

Gibt es etwas aus dem Irak, das du hier in Deutschland  besonders vermisst?

Ja, man vermisst viel. Egal, was man im Irak erlebt hat, es bleibt das Land, wo man seine Kindheit verbracht hat.
Besonders vermisse ich meinen Freundeskreis und die Kommunikation mit den Menschen; und auch die Leichtigkeit und die Gefühle im Heimatland. Diese Gefühle bekommt man hier in Deutschland nicht. Bei uns war die Kommunikation viel leichter.

Inwiefern?

Die meiste Zeit haben wir zusammen verbracht. Diese Einsamkeit gibt es im Irak nicht. Keiner fühlt sich alleine im Irak.

Du meinst, dass die Kultur gemeinschaftlicher ist?

Genau. Nachbarschaft, Verwandte, Freunde. Ich meine nicht, dass die Kultur hier schlecht oder gut ist. Ich finde, es gibt keine schlechte oder gute Kultur. Die sind einfach unterschiedlich. Aber hier in Deutschland kenne ich zum Beispiel ein paar Nachbarn, die sind schon seit 20 Jahren Nachbarn und haben sich immer noch nicht gut kennengelernt. Und das würde im Irak niemals passieren.

Möchtest du hierbleiben in Deutschland?

Ja, bestimmt. Also, in Deutschland zu bleiben, das wäre ein Traum, wenn ich bleiben darf und nicht abgeschoben werde.

Bist du noch im Asylverfahren?

Ja, also mein Asylantrag wurde leider erst einmal abgelehnt und ich habe einen Abschiebebescheid bekommen.
Das war schon letztes Jahr im September. Ich habe einen Anwalt beauftragt und wir arbeiten daran. Der zweite Abschiebebescheid kommt wahrscheinlich in den nächsten zwei, drei Monaten.
Und das wäre zu fast 100 Prozent auch eine Ablehnung. Das Asylverfahren schränkt viele Sachen hier in Deutschland ein und demotiviert einen weiter an sich zu arbeiten und seine Fähigkeiten, Kompetenzen und Kapazitäten hier in Deutschland zu entwickeln. Besonders mit der neuen Migrationspolitik. Die Bundesregierung will einfach so viele Leute wie möglich abschieben und behaupten, dass sie Leute abschieben, die kriminell sind. Aber das stimmt nicht. Ich kenne auch viele Leute, die vom Arbeitsplatz abgeschoben wurden, die sich schon integriert hatten. Und das ist auch bei mir so. Von Deutschland selber, also von der Regierung, habe ich nicht so viel bekommen, aber ich gebe gleichzeitig viel zurück. Viel mehr, glaube ich, als ich bekommen habe. Ich bin schon seit sechs Monaten Steuerzahler. Und das Land braucht Steuerzahler.

Wie hast du so schnell so gut Deutsch gelernt? Hattest du eine bestimmte Motivation? 

Also, seit drei Jahren und zwei Wochen bin ich hier in Deutschland. Mitte Juni 2023 bin ich hier angekommen. Zweieinhalb Jahre waren wir in Notunterkünften. Ich dachte am Anfang, dass mein Asylantrag genehmigt wird und ich habe darüber nicht nachgedacht abgeschoben zu werden. Ich war sehr motiviert die Sprache zu lernen, um die Kultur kennenzulernen, die Menschen kennenzulernen, um so etwas für die Zukunft hier aufzubauen. Und deshalb habe ich fast acht bis zehn Stunden täglich gelernt. Deutsch war die fünfte Sprache und deswegen konnte ich ein bisschen leichter lernen, weil ich beim Lernen anderer Fremdsprachen viele Fehler gemacht habe. Und deswegen habe ich mit den richtigen Methoden angefangen, die Sprache gut zu lernen. Und das hat mir geholfen. Und meine Motivation war, dass ich mich hier einfach so schnell wie möglich integrieren und wie jeder Mensch arbeiten und studieren wollte. Das darf ich auch nicht, obwohl die Voraussetzungen da wären.

Was wolltest du studieren?

Ich wollte einfach weiter studieren und meinen Master [im Bereich Tourismus-Management; Anm. d. Red.] machen. Aber das habe ich auf die Seite gelegt. Studieren will ich einfach jetzt nicht mehr, aber ja, das war die Motivation: Studieren, arbeiten, Integration.

Welche Sprachen kannst du sonst noch, weil du meinst, das ist jetzt die fünfte?

Ja, ich spreche Kurmancî, also auch Kurdisch, Arabisch und Englisch.

Sherzads erster Auftritt im Mosaique im Mai.
Sherzads erster Auftritt im Mosaique im Mai.

 

Hast du Comedy auch schon vorher im Irak gemacht oder hast du hier angefangen?

Im Irak habe ich das nicht gemacht. Hier war es das erste Mal. Das war ungefähr vor einem Monat.

Und wie bist du darauf gekommen, in einer anderen Sprache direkt Stand-Up-Comedy zu machen?

Gute Frage. Comedy zu machen ist kompliziert und schwierig. Also nicht nur wegen der Sprache. Den Humor
der Menschen hier in Deutschland zu verstehen, ist ganz schwierig und kompliziert. Es ist eine ganz andere Kultur.
Und Humor ist verbunden mit Kultur und Regeln, mit Gesetzen, mit Geschichte. In meinem Freundeskreis kommen die meisten aus Deutschland. Wir haben in ehrenamtlichen Gruppen zusammengearbeitet. Und die sagten, ‚das passt zu deinem Charakter, das solltest du unbedingt machen. Versuch es mal.‘ Und eine andere Frau hat das Gleiche gesagt. Die hat mich fast dazu gezwungen. Das waren nur einfache Gespräche bei uns, in denen wir uns ausgetauscht haben – auch über Regeln, Gesetze und Geschichte hier. Ich war oft ironisch und das fanden sie lustig und haben gesagt, ‚mach einfach ein Programm und versuch es‘.

Wie entsteht ein Witz bei dir?

Also die Ideen kommen einfach durch Gespräche und wenn man die Kultur kennenlernt,: Geschichte, Gesetze, Regeln. Selbst wenn ich noch 100 Jahre hier lebe, werde ich die ganzen Gesetze und Regeln hier nicht lernen. Und auch viele Deutsche selber nicht, glaube ich. Es gibt einfach merkwürdige Regeln und wenn man die hört, kann man einfach einen Witz daraus machen. Und gleichzeitig war die Kultur im Irak ganz anders. Ich mache nicht nur Witze über die Kultur und Regeln hier in Deutschland, das mache ich genauso über den Irak, damit es fair bleibt. Meine Kultur ist auch ein Schock für Deutsche und vieles ist sehr überraschend für sie. Durch diesen Vergleich entsteht einfach ein Kontext, der lustig ist.

Nenn mal ein Beispiel.

Zum Beispiel darf man im Irak ohne Führerschein Auto fahren. Also ich kenne auch Leute, die schon mit zehn oder zwölf mit Autos gefahren sind. Oder Beerdigungen: Die finden direkt am ersten oder zweiten Tag statt. Hier in Deutschland ist es so bürokratisch und dauert manchmal zwei, drei Wochen. Und es kostet Geld hier. Bei uns ist es kostenlos. Und wir haben im Irak keinen Briefkasten und keine Post. Und auch keine Adresse.

Und wie kommuniziert ihr dann mit Behörden?

Also zu Behörden geht man zu 90 Prozent ohne Termin. Man geht dorthin, man wartet. Und mit Bestechung: Wenn man ein bisschen bezahlt, kann man einfach direkt sein Papier abgeben und fertig.

Wie ist das dann hier für dich?

Also ich meine, im Irak finde ich alles falsch. Es ist Chaos. Aber es ist ein einfaches Land. Man kann einfach da leben. Man hat keinen Stress. Ich meine die Bürokratie und so. Es ist einfach, aber es ist alles falsch. Und hier in Deutschland: die übertreiben. Zum Beispiel für den Führerschein gibt es 1.300 Fragen. Wofür denn? Viele von diesen Fragen sind auch komisch.

Nochmal zurück zum Witzeschreiben. Beschreib mal den Prozess: Wenn du einen Witz entwickelst, wie gehst du dann Schritt für Schritt vor?

Also nehmen wir den gleichen Witz mit der Grammatik und den Pronomen. Nach zwei Jahren Deutschlernen habe ich meinen Freundeskreis kennengelernt. Die meisten sind junge Menschen aus der Uni und ich glaube drei oder vier von ihnen sind ohne Pronomen. Und die sagten einfach: ‚Wir sind ohne Pronomen‘. Und das konnte ich nicht verstehen. Ich wusste nicht: Was bedeutet ohne Pronomen? Dann haben sie versucht es zu erklären ‚Hey, also, wir nennen unser Geschlecht nicht. Wir wissen nicht, ob wir männlich oder weiblich sind‘. Und das war neu für mich und das habe ich zum Beispiel mit Pronomen und Grammatik verbunden. Das wirst du im Irak niemals finden. Niemals. Wenn jemand sagt ‚Ich bin schwul‘ wäre das schon zu viel. Oder wenn du sagst ‚Ich bin ohne Pronomen‘: Das gibt es im Irak nicht. Und so entsteht ein Witz – durch etwas Neues.

Hast du jemanden, dessen Humor dich inspiriert oder machst du das einfach frei?

Also ich weiß nicht, ob ich lustig bin oder nicht. Das kann ich nicht bewerten. Die Feedbacks meiner Auftritte waren positiv, die fanden es gut. In meiner Muttersprache, auf Kurmancî und Kurdisch-Arabisch, da kann ich ganz gute Witze machen oder viel spontaner reagieren. Man ist in der Muttersprache viel lustiger.

Aber hast du eine Person, die dich inspiriert? Also einen anderen Comedian, bei dem du denkst „Der macht eine bestimme Art Witze, so mache ich das jetzt auch“? 

Ich habe nicht so viele geguckt. Also meine Freunde haben erst mal gesagt ‚Du sollst das machen‘. Und dann habe ich gesagt, okay, ich gucke erst mal. Ich habe so ein paar geguckt. Also es gibt auch in Deutschland ein paar, die gute Comedy machen.

Hast du Beispiele?

Olaf Schubert, ja. Den finde ich lustig.

Du hattest vor ein paar Wochen im mosaique deinen ersten Auftritt. Und vor ein paar Wochen bei der solidarischen Küche. Wie hast du die beiden Abende erlebt? Warst du nervös?

Ich war schon aufgeregt. Ich weiß nicht, ob das Publikum das bemerken konnte. Besonders das erste Mal. Es ist normal im Leben. Also vor jedem Ding im Leben hat man erstmal Angst und das kann man nicht vermeiden. Wie man damit umgeht, das ist wichtig. Besonders beim Witze erzählen und Comedy machen: Wenn man zum Beispiel einen Witz erzählt und das Publikum es nicht witzig findet, wäre das peinlich. Das habe ich auch zu meinem Freundeskreis gesagt. Die meinten ‚Du hast nichts zu verlieren‘. Ich wusste nicht, ob das eine Beleidigung war oder eine Motivation. Die Motivation auf Deutsch ist auch ein bisschen anders (lacht). Und sie hatten Recht. Und dann habe ich gedacht, ich habe nichts zu verlieren, ich versuche es einfach. Und wenn es klappt, dann klappt es.

Und hat dich etwas am Publikum überrascht?

Also, beide Male war das Publikum cool. Manchmal kann es vorkommen, wenn man etwas erzählt, dass jemand sagt, ‚Das stimmt nicht‘. Aber bei mir nicht. Beim ersten Mal, gab es so vier, fünf ältere Damen und Herren. Und es gab auch ein paar Witze über Politik, besonders über Vollzeit- und Teilzeit-Arbeit und Friedrich Merz und das Rentenalter. Und da habe ich gehofft, dass sie erstmal warten, bis ich den Witz bis zum Ende gebracht habe. Das haben sie nicht gemacht. Also der erste Teil hat diesen paar älteren Damen und Herren nicht gefallen. Das war ein bisschen negativ. Aber ansonsten waren die Feedbacks gut.

Du meintest, es sei schwierig, deutschen Humor zu verstehen, im Gegensatz zum irakischen. Würdest du sagen, es gibt einen deutschen Humor? Und wie würdest du deutschen Humor charakterisieren, so wie du ihn jetzt gelernt hast?

Den Humor verstehe ich noch nicht 100 Prozent. Ein Grund dafür ist erstmal die Sprache. Wenn man die Sprache nicht sehr gut beherrscht, kann man nicht alles verstehen. Und zweitens: Humor verbindet sich einfach mit Geschichte, mit Regeln, mit Gesetzen, mit Kultur. Und da braucht man Zeit dafür, bis man alles versteht. Aber wie kann ich das sagen? Also, die Deutschen können gut lachen. Und der Humor ist schon ein bisschen trocken.

Was möchtest du noch mit Stand-Up-Comedy erreichen?

Also, ich würde gerne einfach weitermachen. Durch die Stand-Up-Comedy-Show kann man einfach so viele Botschaften vermitteln. Das finde ich sehr wichtig, damit das Publikum sieht: Hey, da gibt es das, das, das und das. Also so vieles, was sie vielleicht noch nicht kannten. Und das kann man alles auf witzige Art und Weise erzählen. Zweitens: Das Leben hier ist schwierig, kompliziert und anstrengend. Und ich finde, wenn jemand die anderen zum Lachen bringen kann, sollte man das machen. Unbedingt – weil die Leute das hier brauchen. Ich würde gerne einfach noch ein paar Auftritte weitermachen, auch in Berlin, in Hamburg, und mal sehen, wie es weiterläuft.


Fotos: Jonah Vogl


Quellen:

bpb – Die Jesiden Religion, Gesellschaft und Kultur
AA – Sinjar nach dem IS-Terror: Wie unterstützt das Auswärtige Amt Jesidinnen und Jesiden in Irak?
NDR – Migrationswende: Widerstand aus der Union