Kunstwerk Daniel Man - Am Hörsaal 4 - Campus - (c) Christopher Bohlens

Siebzehn Jahre, immer noch kein Konsens: Das Wandbild am Hörsaal 4 und sein endloser Diskurs

Seit der ARTotale-Startwoche 2009 hängt das Werk von Daniel Man an der Außenwand des Hörsaals 4. Es hat Graffiti überlebt, Universitätsdiskussionen und öffentliche Debatten. Jetzt sieht es wieder etwas anders aus – und der Streit ist längst nicht vorbei.

Wer an einem ruhigen Morgen am Hörsaal 4 der Leuphana Universität Lüneburg vorbeiläuft, könnte es fast übersehen. Dabei ist die Wand alles andere als gewöhnlich. Das Wandbild des Künstlers Daniel Man – entstanden im Oktober 2009 im Rahmen des Urban-Art-Großprojekts ARTotale – ist inzwischen mehr Geschichte als Kunstwerk. Es ist Projektionsfläche, Streitobjekt und nach all den Jahren vielleicht sogar ein unfreiwilliges Denkmal für eine Universität, die sich selbst als kritisch, offen und progressiv versteht.

Seit 2019 berichten wir in der Univativ über das Kunstwerk. Damals fiel einigen Studierenden erstmalig auf, dass eine der zentralen Formen in dem Bild, das Man selbst „Rising Gods“ nennt, einem Hakenkreuz ähnelt. Im August desselben Jahres übermalten Unbekannte das Symbol und setzten einen Davidstern daneben – die Universität ließ das Bild innerhalb von zwei Tagen wiederherstellen, urheberrechtliche Gründe wurden angeführt. Der Künstler selbst hätte es gerne so gelassen. Und heute, im Mai 2026?

Kunstwerk Daniel Man - Am Hörsaal 4 - Campus - (c) Christopher Bohlens
Kunstwerk Daniel Man – Am Hörsaal 4 – Campus – (c) Christopher Bohlens

Ein Aushang und ein Einladung

Wer dieser Tage an das Wandbild herantritt, findet neben dem Kunstwerk einen Aushang, direkt vom Künstler. Daniel Man erklärt darin, dass er der Studierendenschaft seine Zustimmung erteilt, den unteren rechten Teil der Wand zu kommentieren oder gestalterisch auf sein Werk Bezug zu nehmen. „Der Diskurs soll erweitert werden“, schreibt er. Er stehe als Dialogpartner weiterhin zur Seite.

Das ist keine neue Idee. Schon 2009 war genau dieser Bereich als Kommentarfeld konzipiert. 2019 stellte Man dasselbe in Aussicht. Und doch blieb er über all die Jahre leer – teils weil die Studierenden nicht wagten, etwas hineinzuschreiben. Teils, weil die Universität ihn nach jeder Bespielung wieder überstreichen ließ. Jetzt, mit dem expliziten Segen des Künstlers, stellt sich erneut dieselbe Frage: Ändert sich diesmal etwas?

Kunstwerk Daniel Man - Aushang neben dem Kunstwerk - Am Hörsaal 4 - Campus - (c) Christopher Bohlens
Kunstwerk Daniel Man – Aushang neben dem Kunstwerk – Am Hörsaal 4 – Campus – (c) Christopher Bohlens

„Der Diskurs soll erweitert werden. Ich wünsche euch genug Raum für eure Statements und stehe euch als Dialogpartner auch in Zukunft gerne zur Seite.“

— Daniel Man, Aushang am Kunstwerk, 2025/2026

Was der AStA weiß – und was er will

Ein Protokolleintrag der AStA-Sitzung vom 17. April 2025 gewährt einen seltenen Einblick in die internen Diskussionen. Demnach fand im Vorfeld ein Gespräch mit Universitätspräsident Sascha Spoun statt, bei dem auch das Wandbild Thema war. Das Protokoll hält fest, was längst bekannt ist: Das Bild hängt seit fünfzehn Jahren dort, es wurde nie entfernt. Die Universität begründet das mit Urheberrechtsfragen – um das Bild zu entfernen, müsste sie dem Künstler die Rechte abkaufen, was Kosten verursachen würde.

Man selbst, so das Protokoll, habe dem AStA Ideen gegeben, wie das Problem angegangen werden könnte: etwa durch das Hinzufügen von Kontext direkt am Bild. Er denke sogar darüber nach, ein Kunstwerk mit einer Pride-Flagge und der Swastika zu schaffen – als positives Zeichen der Rückgewinnung des ursprünglichen Symbols. Der Künstler möchte die Swastika, die in seiner chinesischen Herkunftskultur ein Zeichen des Glücks ist, aus dem nationalsozialistischen Kontext herauslösen. Er ist sich des historischen Gewichts bewusst – will es aber nicht als Endpunkt akzeptieren.

Das Protokoll gibt der Frustration einer Stimme im AStA Raum: „I just want it gone and he doesn’t.“ Ein knappes Zitat, das die ganze Spannung dieses jahrelangen Diskurses zusammenfasst. Auf der einen Seite ein Künstler mit einem klaren, ernstzunehmenden konzeptionellen Standpunkt. Auf der anderen Seite Studierende, die schlicht nicht täglich an ein Symbol erinnert werden wollen, das die schlimmsten Verbrechen der deutschen Geschichte kodiert.

Der Ort macht den Unterschied

Was die Debatte nicht vereinfacht: Der Campus der Leuphana ist kein neutraler Boden. Die Kaserne, auf der die Universität heute steht, wurde 1936 von den Nationalsozialisten errichtet. Das vermerkt auch das AStA-Protokoll ausdrücklich: „The barracks on the campus were built by the Nazis in 1936. So it is crazy to put this sign up on a place where it was used for the wrong reasons.“ Auch der Künstler, so heißt es weiter, kenne diese Geschichte und sei sich des historischen Kontextes bewusst.

Genau darin liegt das Dilemma. Mans künstlerischer Anspruch, ein Symbol aus einer Gewaltgeschichte zurückzuerobern, ist legitim – und er ist nicht der erste Künstler, der das versucht. Aber ob ein Campus, der buchstäblich auf NS-Geschichte gebaut ist, der richtige Ort für diese Rückeroberung ist, das ist eine Frage, die auch nach siebzehn Jahren keine einvernehmliche Antwort gefunden hat.

Und jetzt? Das Bild sieht wieder anders aus

Wer das Bild dieser Tage betrachtet, stellt fest: Es hat sich wieder verändert. Was genau sich verändert hat und ob diesmal Studierendenhand oder etwas anderes dahintersteckt, ist noch nicht abschließend geklärt. Klar ist: Das Bild bleibt lebendig. Es ist kein eingefriertes Kunstwerk, das still auf sich warten lässt. Es reagiert auf den Campus, auf die Menschen, auf die Zeit.

Das ist vielleicht die ehrlichste Zusammenfassung, die man nach siebzehn Jahren ziehen kann. „Rising Gods“ ist längst nicht mehr nur Mans Werk. Es ist auch das der Studierenden, die dagegen protestiert haben. Der Universität, die es immer wieder restaurieren ließ. Des AStA, der zwischen Künstler, Hochschulleitung und Studierendenschaft vermittelt. Und aller, die jeden Morgen daran vorbeigehen und kurz innehalten – oder auch nicht.

Die Einladung steht jetzt schwarz auf weiß an der Wand. Ob die Studierendenschaft sie annimmt, wird man sehen. Eines scheint jedenfalls sicher: Wir werden wieder berichten.


Hintergrund: Die Univativ berichtete bereits im Juni 2019 („Das Hakenkreuz auf dem Campus“) und im August 2019 über Veränderungen am Kunstwerk. Beide Artikel sind im Archiv unserer Website abrufbar. Das Wandbild entstand im Rahmen der ARTotale Startwoche der Leuphana Universität Lüneburg im Oktober 2009 unter kuratorischer Leitung von Rik Reinking.

Foto: Kunstwerk Daniel Man – Am Hörsaal 4 – Campus – (c) Christopher Bohlens

Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

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