Schafft doch gleich die Geistenwissenschaften ab! – Ein ernsthaftes Gedankenexperiment
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Schafft doch gleich die Geistenwissenschaften ab! – Ein ernsthaftes Gedankenexperiment

"Fuck them haters - Plato" / (C) Michelle Sophie Hahn
“Fuck them haters” – Plato / (C) Michelle Sophie Hahn

„Schafft doch einfach gleich die Geisteswissenschaften ab!“

Wer klickt da eigentlich auf „Gefällt mir“?

Man hofft ja: niemand.

Wenn man sich mit Mitstudierenden unterhält oder Kommentare bei Onlineforen wie Zeit Online liest, gewinnt man leicht den Eindruck, dass viele von der Notwendigkeit der geisteswissenschaftlichen Studiengänge nicht mehr überzeugt sind. Doch warum ist das so?

Kommentar von „GTM5“ auf Zeit Online zu dem gleichnamigen Artikel, in dem mehr Solidarität für die Gender Studies gefordert wird.
Kommentar von „GTM5“ auf Zeit Online zu dem gleichnamigen Artikel, in dem mehr Solidarität für die Gender Studies gefordert wird.

Warum denken so viele, dass die Geisteswissenschaften unnötig und die Wirtschaftswissenschaften dafür umso nötiger sind? Warum müssen sich die Studierenden geisteswissenschaftlicher Studiengänge immer wieder für ihr Studienfach rechtfertigen?

Man könnte die Geiseswissenschaften eigentlich sogar schmerzfrei abschaffen, denn wirklich Essentielles scheint zunächst nicht von ihnen abzuhängen. Natürlich wären ein paar Professoren irgendwelcher Soziologie-Lehrstühle arbeitslos, aber – um das Klischee aufzugreifen – Taxifahrer können die ja schließlich immer noch werden und somit wenigstens etwas zur Wirtschaft beisteuern! Und sei es auch nur, indem sie Manager zum Flughafen bringen.

Und sonstige positive Nebeneffekte der Abschaffung?

Natürlich noch mehr Forschungsgelder für die Natur- und Wirtschaftswissenschaften. Prima, denn die brauchen sie dringend!

Die Geisteswissenschaften abzuschaffen wäre sowieso eine unheimliche Geldersparnis, schließlich würden etliche „überflüssige“ Lehrstühle einfach wegfallen. Generell müsste weniger Geld für Bildung ausgegeben werden, die freiwerdenden Finanzmittel könnten sinnvoller genutzt werden. Für eine neue Abwrackprämie zum Beispiel. Oder Steuererleichterungen für Hoteliers. Dann könnte der Staat wieder mehr Aufträge vergeben und wir hätten mehr Arbeitsplätze, ein höheres BIP, Wirtschaftswachstum… Also all das, was wir uns in Deutschland immer so sehnlich wünschen.

Wäre doch gar kein Problem die Geisteswissenschaften abzuschaffen! Zumal die ja so viel Neues auch nicht mehr zu erforschen haben, ist schließlich alles schon mal von irgendwem gedacht und gesagt worden. Und wenn sich dabei Forschungsfelder wie die Gender Studies herauskristallisieren, zeigt das doch eigentlich, dass man sich neue Themen aus dem Hut zieht, nur um noch etwas besprechen zu können. Wer braucht die schon noch, mit ihrer Zwangsneurose ständig alles und jeden zu gendern? Wir sind heute doch alle emanzipiert und gleichberechtigt! Und Frauen wissen schließlich was für kluge, tolle Wesen sie sind. Dafür brauchen sie keine Vorträge der Gender Studies.

Wer wirklich meint, dass es eine gute Idee sei, die Geisteswissenschaften abzuschaffen, ist – salopp gesagt – dumm, gar einfältig. Pardon an alle, die dachten, dass das oben beschriebene Szenario ernsthaft wünschenswert sei.

Die Geisteswissenschaften tragen wenig zur konkreten Wertschöpfung in Deutschland bei, soviel ist klar. Aber: Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Diese anspruchsvolle Aufgabe ist den Wirtschaftswissenschaften vorbehalten, die wie am Fließband angehende Entrepreneure, Manager und CEOs produzieren.

Die Geisteswissenschaften tragen zu etwas anderem bei: Zu unserer Kultur, unserer Zivilisation, unserem Menschsein. Die Geisteswissenschaften versuchen zu verstehen, sie fragen nach dem Warum. Die Naturwissenschaften (und auch die Wirtschaftswissenschaften) versuchen stattdessen zu erklären und fragen daher folgerichtig nach dem Wie. Somit ist dann auch die ewige Debatte geklärt, die schon immer zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vorherrschte.

Die Frage nach dem Wie ist wichtig, denn dadurch wird uns erklärt, wie etwas funktioniert. Die Frage nach dem Warum ist aber ebenso wichtig, denn dadurch verstehen wir erst, warum etwas so funktioniert, wie es funktioniert. Die Frage nach dem Warum hinterfragt, die Frage nach dem Wie befragt. Beide Fragen müssen gestellt werden.

Würden wir die Geisteswissenschaften abschaffen, würde nur noch die Frage nach dem Wie gestellt. Ist das wirklich wünschenswert? Das würde von einem ziemlich geringen Maß an Selbstreflexion zeugen, auf das wir Menschen doch eigentlich so stolz sind. Mit der Abschaffung der Geisteswissenschaften würde sich die Geschichte unserer Zivilisation um mehrere tausend Jahre zurückdrehen. Die Menschheit wäre eine technisierte Version einer moralischen und philosophischen Steinzeit. Wir würden Technik und Ökonomie nutzen, aber niemand wüsste warum, zu welchem Zweck, sie wären entwurzelt.

Die Frage danach, warum wir in dem System leben, in dem wir leben, warum wir als Menschen sind wie wir sind, würden nicht mehr in einer bewussten, öffentlichen Diskussion gestellt werden. Wir wären von einer Außenperspektive betrachtet nicht weniger, aber auch nicht mehr als emsige Ameisen, die sich hin und wieder bekriegen. Das, was uns von den Tieren unterscheidet (oder von dem wir denken, dass es uns von den Tieren unterscheidet) wäre nicht mehr gegeben.

Und noch etwas würde ohne die Geisteswissenschaften wohl wegfallen. Etwas, das man als eine der größten Errungenschaften unserer Zivilisation bezeichnen kann: Die Demokratie. Denn dann fällt das weg, was im Idealfall die Basis der Demokratie ist: Eine mündige, selbstreflexive und auf keinen Fall naive Bevölkerung, die eben nicht alles hinnimmt, was ihr aufgetischt wird.

Damit wir uns also nicht selbst zum besseren Ameisenstaat degradieren, damit wir denkende Wesen bleiben, die nicht nur innerhalb des Systems denken, sondern „out of the box“, damit all das, was wir seit 2000 Jahren sind und geschafft haben einen Sinn behält, sollten wir weiterhin in einem öffentlichen Diskurs die Frage nach dem Warum stellen. Einzig, damit sich die Menschheit nicht selbst abschafft.

Danke.

Autorin: Michelle Sophie Hahn

12. November 2015

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