Univativ-Buchkritik: „Ich war der Lärm, ich war die Kälte“ von Jenny Downham
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ-Buchkritik: „Ich war der Lärm, ich war die Kälte“ von Jenny Downham

Nach ihrem Debütroman „Bevor ich sterbe“ hat Jenny Downham nun ihr neues Werk „Ich war der Lärm. Ich war die Kälte“ veröffentlicht. Unsere Autorin hat sich von der mitreißenden Geschichte eines vermeintlich unkontrollierbaren Teenagers packen lassen.

Gewalt bedeutet nicht zwangsläufig Schläge oder Handgreiflichkeiten. Verletzung beutet nicht immer blaue Flecken, Blutergüsse oder Knochenbrüche. Missbrauch muss nicht als sexueller Übergriff erfolgen. Und so werden die unkontrollierten Wutausbrüche der fünfzehnjährigen Alexandra auch nicht als das erkannt, was es ist: ein Hilferuf, den sie selbst nicht zu deuten weiß.

In Jenny Downhams neuem Roman „Ich war der Lärm, ich war die Kälte“ erhält der Leser einen Einblick in das Leben eines Teenagers, der nirgendwo richtig akzeptiert wird. In der Schule gilt Lexi, als Außenseiterin, die Stühle aus dem Fenster wirft und in nahezu allen Fächern auf der Kippe steht. Zu Hause sabotiert sie Feiern und zertrümmert Handys, sodass sich selbst ihre Mutter immer mehr von ihr abwendet. Dabei wünscht sich Lexi nichts auf der Welt mehr, als dazuzugehören und akzeptiert zu werden, am meisten von ihrem Stiefvater John.

Lexi ist sieben Jahre alt, als sie John zum ersten Mal kennenlernt. Das ist also der Mann, der ihre Mutter so glücklich macht – und zunächst scheint auch alles wie im Märchen. Doch schon bald zeigt sich, dass der charmante MANN mit dem goldenen Lächeln ein unberechenbarer Tyrann ist, dessen Herzlichkeit innerhalb weniger Sekunden ins Gegenteil umschlagen kann. Ihr Stiefbruder Kass ist all die Jahre ihr einziger Verbündeter gegen die Erwachsenen, aber als dieser zum Studium nach Manchester zieht, verliert die mittlerweile Fünfzehnjährige ihren letzten Halt. Immer häufiger verliert sie scheinbar die Kontrolle über „das Monster“.

Jenny Downham lässt den Leser teilhaben an einer Jugend, die geprägt ist von subtiler Grausamkeit, von Druck, Zwang und der Zerrissenheit eines Mädchens, die ihre Mutter vor seelischen Verletzungen schützen will und sich selbst dafür opfert. Durch die Erzählperspektive werden Alexandras Gefühle und ihre tiefe Verzweiflung deutlich, ebenso wie ihre unbändige Wut auf John. Zeitgleich sind jedoch ihre tiefe Verunsicherung und der fast schmerzhafte Wunsch nach Liebe zu spüren. Anhand von Rückblicken in die Vergangenheit wird im Laufe des Buches eine Geschichte konstruiert, die den Leser in ihren Bann zieht und bis zum Ende nicht mehr loslässt.  Schon bald wird klar, dass das Ganze auf einen großen Knall hinausläuft. Doch bis es dazu kommt, müssen Jahre voller Schuld, Scham und Angst vergehen. Doch der Weg dahin ist durchaus lesenswert. Der Schreibstil ist fesselnd, man hat das Gefühl, ein Teil der Geschichte zu sein und durch die Ich-Perspektive bekommt der Lesende einen Einblick in die Gefühlswelt der Protagonistin. Man spürt förmlich die Verzweiflung, die Lexi zu ihren impulsiven Ausbrüchen treibt.

 


Foto: Jenny Downham – Ich war der Lärm, ich war die Kälte (c) Random House

Ein liebes Dankeschön an die Buchhandlung Lünebuch für das Rezensionsexemplar!

6. Oktober 2020

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Theresa Brand


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