Die Lüneburger Studierendenschaft trauert um Marlene P., eine 21-jährige Studentin der Leuphana Universität, die während ihres Auslandssemesters in Istanbul ums Leben gekommen ist. Neue forensische Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie infolge einer chemischen Vergiftung starb – mutmaßlich ausgelöst durch den Einsatz von Pestiziden in einer benachbarten Wohnung. Die Umstände ihres Todes geben bis heute viele Fragen auf und belasten Familie, Freundinnen und Kommilitoninnen schwer.
Der Tod einer Leuphana-Studentin in Istanbul gibt weiter Rätsel auf: Ein neues Gutachten deutet auf eine chemische Vergiftung hin – und wirft Fragen zu den Ermittlungen beider Staaten auf.
Erste Ermittlungen führten in die falsche Richtung
Zunächst waren die türkischen Behörden von einer Lebensmittelvergiftung ausgegangen. Doch ein Obduktionsbericht, der im August dieses Jahres vorgelegt wurde, kommt zu dem Schluss, dass Marlene an einer Vergiftung durch Chemikalien gegen Bettwanzen gestorben sein muss. In der Wohnung unterhalb ihrer WG sollen entsprechende Schädlingsbekämpfungsmittel versprüht worden sein – einer davon, ein toxischer Stoff, der als Gas in die Räume der Studierenden gelangt sein könnte.
Ihr Mitbewohner berichtete von einem beißenden Geruch in der Wohnung und starken Schmerzen, wegen derer er selbst medizinische Hilfe suchte. Marlene wurde schließlich von ihm leblos aufgefunden. Die beiden Mitbewohner überlebten – schwer verletzt.
Eltern erheben schwere Vorwürfe
Astrid und Göran P., die Eltern der verstorbenen Studentin, kritisieren deutliche Versäumnisse seitens der beteiligten Behörden. Hinweise auf den Einsatz von Chemikalien habe es schon kurz nach dem Tod ihrer Tochter gegeben, dennoch sei über Monate kein vollständiges Gutachten vorgelegt worden – und bis heute gebe es keine identifizierten Verantwortlichen. Auch hätten sich beide Staaten kaum abgestimmt: „Wir wurden allein gelassen“, sagt der Vater rückblickend. Weder in Deutschland noch in der Türkei sei ihnen aktive Unterstützung angeboten worden.
Erst jetzt hat die Staatsanwaltschaft Lüneburg den vollständigen Obduktionsbericht angefordert und kündigt an, bei Hinweisen auf konkrete Beschuldigte ein Rechtshilfeverfahren einzuleiten. Bisher lagen die entscheidenden Unterlagen ausschließlich durch die Initiative der Eltern vor.
Parallelen zu aktuellem Fall in Istanbul
Besonders tragisch: Der Tod von Marlene P. weist auffällige Parallelen zum jüngsten Fall einer Hamburger Familie (Eltern und beide Kinder) auf, die vor kurzem in Istanbul mutmaßlich ebenfalls an einer Pestizidvergiftung starb. In dem Hotel, in dem die Familie wohnte, waren – wie bei Marlene – kurz zuvor Chemikalien gegen Bettwanzen eingesetzt worden. Türkische Behörden haben inzwischen mehrere Verdächtige festgenommen. Der Anwalt der Familie P. äußerte die Vermutung, dass eine schnellere Aufklärung im Fall Marlene womöglich weitere Todesfälle hätte verhindern können.
Universität spricht Angehörigen Beileid aus
Die Leuphana Universität Lüneburg hat den Angehörigen bereits unmittelbar nach Bekanntwerden des Unglücks ihr Beileid ausgesprochen. Die Studierenden hatten ihre Unterkunft in Istanbul selbst organisiert und gemeinsam angemietet. Für viele Kommiliton*innen ist der Verlust bis heute schwer fassbar.
Hoffnung auf Fortschritte
Durch die erneute öffentliche Aufmerksamkeit wächst nun die Hoffnung, dass die türkischen und deutschen Ermittlungsbehörden enger kooperieren und der Fall umfassend aufgeklärt wird. Für die Eltern steht fest: Sie wollen weiter kämpfen – für die Wahrheit und für ihre Tochter.
Mit Material DPA, NDR und Tagesschau.
Foto: Erinnerungen vor Gebäude 9 auf dem Campus – Christopher Bohlens – Bild aus November 2024 – Aus Datenschutzgründen verpixelt.
