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Kein Wahl-O-Mat, dafür Fragebögen – Was Lüneburgs Zivilgesellschaft von den OB-Kandidierenden wissen will

Für die niedersächsischen Kommunalwahlen gibt es keinen Wahl-O-Mat. Diese Lücke füllen in Lüneburg Initiativen, Verbände und Beiräte mit eigenen Wahlprüfsteinen und Befragungen: Der Klimaentscheid hat 15 Thesen verschickt, der Seniorenbeirat neun Fragen, die Initiative Erbbau 13. Hinzu kommen der „Wahl-o-Rad“ des ADFC und Interviews der Cradle-to-Cradle-Regionalgruppe mit den OB-Kandidierenden. Ein Überblick darüber, welche Themen aus der Stadtgesellschaft an die Bewerber:innen um das Rathaus herangetragen werden – und wer geantwortet hat.


Wer am 13. September wählt, hat wenig standardisierte Orientierungshilfe: Ein Wahl-O-Mat ist für die niedersächsischen Kommunalwahlen 2026 nicht angekündigt worden. An seine Stelle sind in Lüneburg mehrere Befragungen getreten, die aus der Zivilgesellschaft heraus organisiert wurden. Sie funktionieren nach demselben Muster: Eine Organisation formuliert Fragen zu ihrem Themenschwerpunkt, schickt sie an alle Kandidierenden und veröffentlicht die Antworten – teils als Dokumentation, teils als klickbares Vergleichstool.

Die Wahlprüfsteine im Überblick

Organisation Schwerpunkt Umfang Adressiert Antworten
Klimaentscheid Lüneburg (LocalZero/GermanZero) Klimaschutz, Verkehr, Wärme, Strom 15 Thesen + 1 offene Frage 8 OB-Kandidierende 7 von 8
Beirat für Seniorinnen und Senioren Altersfreundliche Stadt: Mobilität, Wohnen, Pflege, Teilhabe 9 Fragen 8 OB-Kandidierende 7 von 8
Initiative Bezahlbares Wohnen im Erbbau (mit AStA, Mieterbund, Verband Wohneigentum) Bezahlbares Wohnen, Bodenpolitik, Erbbau 13 Fragen in 6 Blöcken damals 7 OB-Kandidierende 7 Antwortsätze
ADFC Lüneburg („Wahl-o-Rad“) Radverkehr 18 Thesen Parteien + Heiko Meyer alle außer Meyer
Cradle to Cradle, Regionalgruppe Lüneburg Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Stadtentwicklung Interviews 8 OB-Kandidierende 6/7 von 8

Klimaentscheid: 15 Thesen, ein Wahlcheck zum Klicken

Am weitesten in Richtung Wahl-O-Mat geht der Klima-Wahlcheck des Klimaentscheids Lüneburg, der mit Unterstützung der Klimaschutzorganisation GermanZero entstanden ist. Wer die Seite aufruft, positioniert sich zunächst selbst zu 15 Thesen rund um Klimaschutz, Verkehr, Wärmeerzeugung und Stromgewinnung und sieht anschließend, mit welchen Kandidierenden und Parteien die meisten Übereinstimmungen bestehen.

Die Thesen gingen im Juli 2026 an alle acht OB-Kandidierenden. Sieben haben geantwortet: Mats Dedow (Die PARTEI), Claudia Kalisch (Grüne), Heiko Meyer (parteilos/UWG), Michèl Pauly (Volt), Thorben Peters (Die Linke), Andrea Schröder-Ehlers (SPD) und Frank Soldan (FDP). Patrick Pietruck (CDU) hat nach Angaben der Initiative trotz wiederholter Nachfrage nicht reagiert. Seit dem 21. August ist der Wahlcheck zudem um eine offene Frage ergänzt: Was den Kandidierenden beim Klimaschutz sonst noch wichtig ist.

Der Klimaentscheid beschreibt selbst zwei Ziele: kurzfristig Transparenz vor der Wahl – und langfristig eine Grundlage, an der sich Versprechen später messen lassen. Ähnliche Wahlchecks gibt es inzwischen auch für Osnabrück und Sulingen.

Klima-Wahlcheck für die OB-Wahl in Lüneburg
Klimaentscheid Lüneburg

Seniorenbeirat: neun Fragen zur altersfreundlichen Stadt

Rund ein Fünftel der Lüneburger:innen ist über 60. Der Beirat für Seniorinnen und Senioren hat gemeinsam mit seinen 60 Delegierten neun Fragen formuliert und Mitte August veröffentlicht. Als Rahmen dient das Modell der „altersfreundlichen Stadt“ der Weltgesundheitsorganisation; abgefragt werden Lebensqualität, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Mobilität und Teilhabe.

Die Fragen sind teilweise sehr konkret. Der Beirat will etwa wissen, wie die Kandidierenden für sichere Rad- und Fußwege zwischen Innenstadt und Stadtteilen sorgen wollen und was sie in fünf Jahren konkret gegen den Mangel an familien- und seniorengerechtem, bezahlbarem Wohnraum unternehmen. Eine Frage greift einen eigenen Vorschlag auf: Ob die Kandidierenden bereit wären, den rund 1.200 Grundsicherungsempfänger:innen ab 60 ein ermäßigtes Deutschland-Ticket für 30 Euro im Monat zu ermöglichen. Weitere Fragen zielen auf ein kommunales Konzept für die steigende Zahl Pflegebedürftiger und auf den Mangel an Kurzzeit- und Verhinderungspflegeplätzen – ein Punkt, den der Beirat schon in seiner Zwischenbilanz im Frühjahr als eine der drei größten Herausforderungen benannt hatte, neben Mobilität und Wohnen.

Angeschrieben wurden alle acht Kandidierenden, sieben antworteten. Von wem trotz Nachfragen keine Rückmeldung kam, nennt der Beirat nicht. Die Antworten stehen als PDF auf der Website des Seniorenbeirats. Verbunden ist die Veröffentlichung mit einem Appell: „Als Ü60+ stellen wir einen wachsenden und wichtigen Teil der Stadtgesellschaft“, so der Beirat – wer wähle, zeige, dass er mitgestalten wolle.

Seniorenbeirat Lüneburg
Antworten der OB-Kandidierenden (PDF)

Initiative Erbbau: 13 Fragen zum bezahlbaren Wohnen

Der umfangreichste Fragenkatalog kommt von der Initiative „Bezahlbarer Wohnraum im Erbbau Lüneburg“, die sich dafür mit dem AStA der Leuphana, dem Deutschen Mieterbund Lüneburg-Winsen und dem Verband Wohneigentum Niedersachsen zusammengetan hat. 13 Fragen in sechs Blöcken gingen an die Kandidierenden: Grundsätzliches zum Wohnungsmarkt, Bodenpolitik und Klima, Bestand, Neubau, Wohnraum für junge Menschen und Wohnprojekte – und schließlich der Erbbau selbst.

Gefragt wird unter anderem, ob der Bodenmarkt stärker reguliert werden müsse, wie mit auslaufenden Sozialbindungen umzugehen sei, welche Kriterien bei der Vergabe der wenigen verbliebenen städtischen Flächen gelten sollen und wie sich Leerstand wirksam verringern lässt. Die Antworten fallen entsprechend ausführlich aus – die Stellungnahme der Amtsinhaberin allein ist auf etwa zehn Minuten Lesezeit angelegt.

Die Initiative hatte die Antworten am 19. Juni veröffentlicht, also vor ihrer Podiumsdiskussion am 23. Juni im PKL-Gesellschaftshaus. Genau dieser frühe Zeitpunkt macht die Sammlung heute allerdings zu einem Dokument mit Verfallsdatum: Online stehen sieben Antwortsätze – darunter der von Oliver Wozniok (SPD), der seine Kandidatur inzwischen zurückgezogen hat. Seine Nachfolgerin Andrea Schröder-Ehlers ist damit ebenso wenig vertreten wie Mats Dedow (Die PARTEI), dessen Kandidatur erst später feststand. Patrick Pietruck (CDU) hat hier im Gegensatz zum Klimaentscheid geantwortet.

Wahlprüfsteine zum bezahlbaren Wohnen und alle Antworten

ADFC: „Wahl-o-Rad“ – hier zählen die Parteien

Einen anderen Zuschnitt hat der „Wahl-o-Rad“ des ADFC Lüneburg, der Ende August online ging. Er basiert auf einem Werkzeug des ADFC Niedersachsen, das für Lüneburg angepasst wurde, und richtet sich nicht primär an die OB-Kandidierenden, sondern an die Parteien – relevant also vor allem für die Ratswahl.

18 Thesen gingen an Grüne, CDU, Linke, Die PARTEI, FDP, SPD, Volt sowie an Heiko Meyer als parteilosen Bewerber. Möglich waren die Antworten „ja“, „nein“, „neutral“ oder keine Antwort, dazu auf Wunsch eine kurze Begründung. Gefragt wird etwa, ob Rad- und Fußverkehr getrennt werden sollen und ob Tempo 30 überall dort eingeführt wird, wo es rechtlich zulässig ist. Zurückgemeldet haben sich alle Angefragten außer Heiko Meyer.

Wahl-o-Rad Lüneburg

Cradle to Cradle:

Auch die Regionalgruppe Lüneburg der Cradle to Cradle NGO beschäftigt sich im Vorfeld der Kommunalwahl 2026 mit der Frage, welche Rolle Kreislaufwirtschaft und Cradle-to-Cradle-Prinzipien künftig in der Stadtentwicklung spielen können. Die 2013 als bundesweit erste Regionalgruppe des Vereins gegründete und an der Leuphana Universität Lüneburg angesiedelte Gruppe hat dazu Interviews mit den Oberbürgermeisterkandidat*innen der Hansestadt Lüneburg geführt.

Im Mittelpunkt der Gespräche stehen die Positionen der Kandidatinnen zu Cradle to Cradle sowie mögliche Ansätze, die damit verbundenen Prinzipien stärker in der Stadt zu verankern. Nach Angaben der Regionalgruppe wurden alle demokratischen Parteien und Kandidatinnen für die Interviewreihe kontaktiert. Mit Heiko Meyer kam aus zeitlichen Gründen kein Gespräch zustande.

Das Thema hat in der Region bereits einen institutionellen Anknüpfungspunkt: Die Landkreise Lüneburg und Lüchow-Dannenberg arbeiten seit Ende 2021 an einer „Cradle to Cradle Modellregion“ in Nordost-Niedersachsen.

Die veröffentlichten Interviews unterscheiden sich in ihrer Länge. Grund dafür sind nach Angaben der Regionalgruppe unter anderem die jeweils verfügbare Gesprächszeit sowie unterschiedliche thematische Schwerpunkte der Kandidat*innen. Die Gespräche werden in der Form veröffentlicht, in der sie geführt wurden.

Cradle to Cradle NGO, Regionalgruppe Lüneburg
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Kommunalwahl am 13.09.2026

Die Themen überschneiden sich stärker, als die unterschiedlichen Schwerpunkte der Organisationen zunächst vermuten lassen: Bezahlbares Wohnen kommt bei Erbbau-Initiative, Seniorenbeirat und Klimaentscheid vor, Mobilität bei ADFC, Seniorenbeirat und Klimaentscheid. Mit Cradle to Cradle kommt eine weitere Perspektive hinzu, die Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Stadtentwicklung in den Mittelpunkt stellt.

Die Beteiligung an den verschiedenen Befragungen ist hoch, aber nicht vollständig – und die Lücken liegen jeweils bei anderen Kandidierenden. Ein durchgängiges Bild aller Bewerber:innen ergibt sich deshalb aus keiner einzelnen Befragung.

Hinzu kommt der unterschiedliche Zeitpunkt der Veröffentlichungen: Der Wechsel im SPD-Bewerberfeld liegt zwischen den früheren und späteren Befragungen. Dadurch bilden nicht alle Wahlprüfsteine das aktuelle Kandidierendenfeld gleichermaßen ab. Wer sich vor der Wahl ein möglichst vollständiges Bild machen möchte, muss daher mehrere der Angebote miteinander vergleichen.


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Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

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