„Hamnet“ – Ein kritischer Blick auf die Tragödie

Als Studentin mit Interesse an Literaturgeschichte und Film erweckte der Film Hamnet von Chloé Zhao, der auf dem gleichnamigen Roman von Maggie O’Farrell basiert, bereits vor der Kinovorstellung mein Interesse. Die Vorstellung, dass hinter Shakespeares größtem Werk – Hamlet – eine persönliche Tragödie stecken könnte, war faszinierend. Ich erwartete eine poetische, emotionale Auseinandersetzung mit dem Schicksal eines verlorenen Sohnes und der Frau, die ihn verlor. Aber der Film bot mir noch etwas anderes als erwartet.

Der Film erzählt die Geschichte von Agnes, einer jungen Frau aus dem ländlichen Warwickshire, die sich in den jungen William Shakespeare verliebt. Ihre Beziehung ist geprägt von gegenseitigem Respekt, aber auch von Distanz: William strebt nach einer Karriere in London, während Agnes sich an die Natur und ihre Wurzeln klammert. Nach der Geburt ihrer Tochter Susanna und der Zwillinge Judith und Hamnet steht eine Familie im Fokus, die von Liebe, aber auch von Schicksalsschlägen gezeichnet ist.

Als die Pest im Jahr 1596 das Dorf heimsucht, stirbt Hamnet – der einzige Sohn – im Alter von elf Jahren. Dieses Ereignis fand ich im Kino besonders tragisch, da der Zuschauer eigentlich damit gerechnet hatte, dass seine Zwillingsschwester Judith sterben würde, weil diese zuerst an der Pest erkrankt war. Agnes, die Nachfahrin einer Hexe ist, versucht mit allen Heilmitteln und Kräften ihre Tochter zu retten. Als es keinen Ausweg mehr zu geben scheint, legt sich Hamnet zu seiner kranken Schwester ins Bett – er möchte den Tod hinters Licht führen und sich selbst, anstelle seiner Schwester hingeben. Tatsächlich geht sein Vorhaben auf düstere Weise in Erfüllung, denn am nächsten Morgen liegt er mit schwarzen Pusteln am Körper tot im Bett; Judith wird wieder gesund.

Hamnets Tod wird zum Auslöser für Williams Trauer, die er in seinem Drama Hamlet verarbeitet. Die Uraufführung des Theaterstücks, bei dem auch Agnes zuschaut, bildet die Schlussszene. Sie ist anfangs verstört, versteht nicht, was ihr Mann da erzählt und warum der Name des Stücks dem ihres toten Sohnes gleicht. Doch als die Aufführung zu Ende geht, zeigt sich Shakespeares Frau gerührt und auf sanfte Weise vom Schmerz befreit, als vor ihrem Auge noch einmal ihr Sohn erscheint, bevor er in einem dunklen Loch des Waldes des Bühnenbilds verschwindet. Dieses Ende rundet die tragische Geschichte auf friedliche Weise ab und man fühlt sich auch als Zuschauer wie die Protagonistin sehr befreit von all dem Leiden. Generell steht der Zuschauer den ganzen Film über sehr nah an der Rolle Agnes- zum einen, weil sie in den meisten Szenen zu sehen ist, zum anderen, weil sie offen ihre Emotionen zeigt, ihre innere Welt nach außen trägt und nicht versucht diese zu verstecken- wie es beispielsweise William tut. Dies ermöglicht ihm ihre Gefühle stark nachzuempfinden und sich in die Gegebenheiten hineinzuversetzen.

Abschließend kann ich sagen, dass meine Erwartungen teils übertroffen wurden. Die anfängliche leichte Schwunglosigkeit der Handlung, entwickelt sich gegen Mitte des Films zu einer schleichenden Spannung, die bis zur Schlussszene kontinuierlich ansteigt und dort am Ende auch aufgelöst wird. Chloé Zhao hat nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern eine Atmosphäre geschaffen – ruhig, dicht, voller Symbolik. Max Richters Musik, insbesondere „On the Nature of Daylight“, unterstreicht die emotionale Tiefe und lässt den Zuschauer in eine Welt eintauchen, in der Schweigen mehr sagt als Worte.

Hamnet hat mich nachdenklich gemacht: Was bedeutet Trauer, wenn sie in Kunst umgewandelt wird? Wie verarbeiten Menschen Verlust, wenn sie nicht sprechen können? Die Emotionen, die der Film weckt, sind tief: Trauer, Mitleid, aber auch Hoffnung. Während des Films fühlt man sich wie ein stiller Zeuge – nah, aber nicht eingreifend. Man wird nicht nur mitgenommen, sondern auch herausgefordert, über die Grenzen von Erinnerung, Mythos und Wirklichkeit nachzudenken.


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