Haiyti, Hyperpop & Horkheimer

Verzerrte Vocals, improvisierte Lines und Tracks wie am Fließband  – Haiytis Musik verspottet die Kulturindustrie. Doch die Pop-Revolution bleibt aus, ihr letztes Album „Speed Date“ verhallte ohne große Resonanz.

Von Springer über Spiegel bis Neues Deutschland – seit Jahren haben die deutschen Kulturredaktionen sich auf die Hamburger Rapperin eingeschossen. „Eine Pop-Revolution bahnt sich an“, prognostizierte DIE ZEIT 2016. „Eines der seltenen großen Versprechen des deutschen Pop“, postulierte die SZ noch 2020. Doch das Versprechen bleibt uneingelöst. Wie die meisten Revolutionen lässt sie auf sich warten.

Haiytis Fangemeinde bleibt für sich. Über 500.000 Spotify-Hörer:innen klingen zwar eindrucksvoll, fallen aber weit hinter dem Millionenpublikum deutscher Rap-Sternchen zurück. Stets als Newcomerin gehandelt, ist ihr der Sprung aus den Feuilletons in die großen Playlists noch immer nicht geglückt. Kein Wunder, dass nun auch die Hype-Propheten ihren langen Atem verlieren. Der Release ihres letzten Albums „Speed Date“ im Dezember 2021 verhallte ohne große Resonanz.

Dabei galt sie immer als die Innovativste im Business – vereint unter ihrem Namen einen Blumenstrauß zeitgenössischer Mainstream- und Nischen-Genres, von denen eigentlich niemand so recht weiß, was sie bedeuten. Cloud-Rap, Trap, Horrorcore, House und neuerdings auch Hyperpop. Doch Revolution braucht keine Innovation, sie braucht Subversion. Ironisch, dass die Aufmerksamkeit gerade jetzt abklingt, denn mit „Speed Date“ kann diese Subversion sich erst so richtig entfalten.

Dabei trägt Haiyti eigentlich keinen Hauch von Revolution an sich. Keine Parolen, nichts. Nur selten findet sich mal ein ACAB zwischen ihren Zeilen. Die Wahlberlinerin will ihre Reichweite nicht für politische Veränderung nutzen, im Gegenteil. Seit den ersten Homophobie-Vorwürfen 2018 wolle sie gar nicht mehr über Politik reden, verrät sie im Interview mit der Wochenzeitung. Trotzdem ist sie revolutionärer, als ihre radikalen Kollegen von Disarstar bis Antilopen Gang es je sein könnten. Warum? Dafür muss etwas weiter ausgeholt werden.

Kulturindustrie im Streaming-Zeitalter

Fast 80 Jahre, um genau zu sein. 1944 veröffentlichten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno mit der Essay-Sammlung „Dialektik der Aufklärung“ ihren Aufsatz zur „Kulturindustrie“. Die beiden Marxisten analysieren, wie sich die bürgerliche Kultur auf die Gesamtgesellschaft ausbreitet und dabei zwar für alle zugänglich wird, ihren emanzipativen Charakter jedoch einbüßt. Musik, Film, Radio werden Werkzeug und Material der Kapitalakkumulation – eine These, die in Zeiten von Plattform-Kapitalismus und Streaming-Kultur sogar an Aktualität gewinnt.

„Kultur ist eine paradoxe Ware“, schreiben sie. Die Industrie „setzt die Imitation absolut“, indem sie fortwährend „fertige Clichés“ reproduziert, die sich gut verkaufen lassen und die Sinneserwartungen der Massen erfüllen. Doch damit die Produktion immer weiterläuft, darf sie nie auf der Stelle treten, muss immer Überraschung und Innovation vorgaukeln. Was Adorno und Horkheimer schon vor der Verbreitung des Fernsehens beobachten, verabsolutiert sich gänzlich in der gegenwärtigen Musikindustrie.

Woche für Woche werden neue Abziehbilder in die „Modus Mio“ und andere Spotify-Playlists gespült. Wer im Streaming-Algorithmus schritt halten will, muss ständig releasen, sich immer wieder neu erfinden und gleichzeitig die Erwartungshaltungen bedienen. Die Halbwertszeit des einzelnen Songs schrumpft dabei sehenden Auges auf ein Minimum.

Quantität, Quantität, Quantität

Es ist beinahe unmöglich, dieses Spiel nicht mitzuspielen, insbesondere im Hip-Hop. Das hat Haiyti bestens verstanden. Haben Rapper früher höchstens alle zwei, drei Jahre ein Album veröffentlicht, wirft sie ihren Fans alle paar Monate eine neue Platte vor die Füße. Eine Musterschülerin der Kulturindustrie, so scheint es. Vermutlich hat sie das nächste Album released, noch bevor dieser Text gelesen wird.

„Ich setz auf Quantität, einfach so viel raushauen wie’s geht“, prahlt sie im Interview mit dem Bayrischen Rundfunk. Ein Großteil der Texte sind improvisiert: „Ich setz mich doch nicht hin, über ne halbe Stunde, für einen Text!“ Auch die Songstruktur ist eher fragmentarisch. Nur vier der 25 Tracks auf „Speed Date“ übersteigen die drei-Minuten-Marke, viele zählen gerade einmal 100 Sekunden.

Der absurd hohe Output, die stolze Zurschaustellung ihrer „no effort“-Attitude – das ist mehr als blinder Gehorsam dem Markt gegenüber. Bewusst oder nicht, voller Hohn zieht sie die Spielregeln der Streaming-Kultur ins Lächerliche. „Was sie tun für die Klicks ist schon fast wieder sweet“, lächelt sie den Streaming-Millionären auf ihrem vor-vorletzten Album „Influencer“ (12/2020) lässig entgegen.

Horkheimer und Adorno schreiben, „der universale Sieg des Rhythmus von mechanischer Produktion und Reproduktion verheißt, dass nichts sich ändert, nichts herauskommt, was nicht paßte“. Rapper, die im Plattform-Kapitalismus bestehen wollen, können den Rhythmus nicht unterbrechen. Das Hamsterrad der Kulturindustrie kann nicht zum Stehen gebracht werden – wohl aber zum Glühen. Haiyti nimmt die Prinzipien beim Wort und kritisiert so die Industrie mit ihren eigenen Mitteln.

Popmusik und Barbarei

Die Ironie, die Übertreibung spiegeln sich schon lange im Sprechgesang der Rapperin wieder. Ob nuschelnd oder schreiend, jeder Ausdruck wirkt pointiert und überzogen. Mit aller Konsequenz durchziehen sie nun ihre komplette Produktion. Das neue Album „Speed Date“ entlehnt sich Einflüsse aus dem Hyperpop, der sich in den letzten Jahren um das britische Independent-Label „PC Music“ entwickelt hat.

Ein Genre, das seinem eigenen Begriff voll und ganz Rechnung trägt: Hyperpop ist die Hyperbel der Popmusik, treibt ihre Spielregeln auf die Spitze und über sie hinaus. Pop sei glattgebügelt, jeglicher Ecken und Kanten beraubt und auf Hochglanz poliert, so die Kritik. Hyperpop macht genau dasselbe, doch mit einer Aggressivität, die Brandflecken, Splitter und Scherben hinterlässt.

Verfremdete Vocals, die selbst T-Pains Roboter-Stimme natürlich erscheinen lassen; überladene Bubblegum-Beats und metallische Synthesizer, die auch für abgestumpfte Ohren eine Reizüberflutung darstellen. Als „ästhetische Barbarei“ bezeichnen Horkheimer und Adorno die Massen-Kulturprodukte ihrer Zeit. Hyperpop bringt die Barbarei auf ein neues Level und legt die kulturelle Entfremdung schonungslos offen.

Damit schafft er es, die soziale Frage erstmals auch akustisch spürbar zu machen. Denn über schlechte Boxen dominieren die schrillen Synthies den Mix und zerschneiden das Trommelfell all derjenigen, die kein Geld für teure Kopfhörer haben.

Es war alles Schein“

Haiyti kommt zum Hyperpop wie die Jungfrau zum Kind. Ihre (wenn auch unbeabsichtigte) Kritik der Kulturindustrie findet mit dem neuen Sound ihre Formvollendung. Erst in diesem Zusammenspiel ergibt das widersprüchliche Haiyti-Image, wie es die Feuilletons treffend analysieren, auch tatsächlich Sinn.

„Reichtum darstellen, ohne ihn zu haben. Das, was real ist, überzeichnen“. So beschreibt Philipp Weichenrieder ihr Handwerk 2018 in der Taz„Haiyti zelebriert Glamour mit Kratzern“. Sie legt nicht nur die Abgründe der Kulturproduktion offen, auch ihre eigenen. Zeigt, wie sie selbst am Streben nach Reichtum, Fame und Drogen zerbricht.

Das Motiv des Scheiterns hatte schon Einzug in ihre Musik genommen, bevor die niedrigen Follower-Zahlen und Spotify-Klicks sich zum Dauerzustand manifestierten. „Haiyti will Hollywood. Hat es aber nicht“, reflektiert sie im Interview mit Arte; „der Traum hat auch ein Ende“rappt sie auf „American Dream“. Gerade das unterscheidet sie von Gucci-Rappern à la Capital Bra und selbsternannten Motivations-Coaches wie Kontra K, die mit der neoliberalen Lüge des Glücks-Schmieds ihre Erfolgsstory legitimieren.

Denn Popkultur verkörpert einen offenen Widerspruch, den auch Adorno und Horkheimer beschreiben:

„Wo die Kulturindustrie noch zu naiver Identifikation einlädt, wird diese sogleich wieder dementiert. Einmal sah der Zuschauer beim Film die eigene Hochzeit in der anderen. Jetzt sind die Glücklichen auf der Leinwand Exemplare derselben Gattung wie jeder aus dem Publikum, aber in solcher Gleichheit ist die unüberwindliche Trennung der menschlichen Elemente gesetzt.“

Eigentlich könnte jeder Rap-Star werden, aber eben nicht alleinsbesondere in einer Klassengesellschaft. Hip-Hop, als ehemalige Protestbewegung, hat sich die Mechanismen der Kulturindustrie mit Bravour zu eigen gemacht: Millionen von Fans verschwenden ihr letztes Geld, um der 187-Strassenbande ihre Sneaker nachzukaufen, wissentlich, dass sie es ihren Idolen niemals gleichtun werden.

Haiyti verwirft diese Schablone der Massenkultur. Der Misserfolg ist ihrem Werk schon immer eingeschrieben, auch wenn die Feuilletons sie zum Weltstar hochstilisieren wollen. Aufgewachsen als Arbeiterin in Hamburg-Langenhorn verkörpert sie die Grenzen der Aufstiegsgesellschaft. Die Brüchigkeit der Rap-Ideologie wird auf dem neuen Album so deutlich wie nie: „Der Strass fällt ab von meinem Philipp Plein“, rappt sie über plärrende Synthies. „Der Strass fällt ab und ich weiß, es war alles Schein“.


Foto: (c) Universal Music, Pressefoto
Literatur: Adorno, T. W. und Horkheimer, M. (1944), Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente.

Hanno Hinrichs

Schreibt über Politik, Gesellschaft und Protestkultur

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