Essstörungen: Warum auch du Verantwortung trägst
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Essstörungen: Warum auch du Verantwortung trägst

Essstörungen sind individuelle Krankheiten und betreffen dennoch jede*n von uns. Sie als persönliches Schicksal und Verantwortung der*des Erkrankten von sich zu weisen, ist ignorant und realitätsfern. Wenn sich Menschen in ihrem Schlankheitswahn zu Tode hungern und das westliche Schönheitsideal gleichzeitig ungesunde Modelmaße propagiert, dann geht das uns alle an. Triggerwarnung: Essstörungen, Diätkultur.

Mit zwölf Jahren habe ich meine erste Diät begonnen. Das ist früh, aber gar nicht mal so ungewöhnlich: Viele Betroffene sind noch nicht mal Teenager, wenn sie zum ersten Mal versuchen, abzunehmen. Mit elf Jahren haben schon 16% der Mädchen und 8% der Jungen in Deutschland eine Diät gemacht. Mit 14 Jahren sind es dann schon fast die Hälfte der Mädchen (42%) und 11% der Jungen, die eine Diät ausprobiert haben (BRAVO Dr.-Sommer-Studie). Manche von ihnen entwickeln eine Essstörung.

So war es auch bei mir: Als ich 14 Jahre alt war, wurde erstmalig eine bulimische Form der Anorexie (Magersucht) bei mir diagnostiziert. Tagsüber aß ich nichts, kaute Kaugummi, trank Cola light. Wenn ich abends allein war, gab ich mich Essanfällen hin und verschlang alles, was ich mir tagsüber zu essen verboten hatte. Hinterher erbrach ich. Ich nahm auch Abführmittel ein und wenn mein Körper es erlaubte, ging ich joggen oder machte Gymnastik in meinem Zimmer.

Essstörungen entwickeln sich nicht in einem Vakuum

Heute bin ich 24 und mittlerweile seit über zehn Jahren krank. Momentan habe ich eine gute Phase, ich esse regelmäßig, erbreche wenig und habe ein normales Gewicht. Durch viel ambulante und stationäre Therapie habe ich ein sehr gutes Verständnis für mich und meine Krankheit entwickelt. Ich weiß, dass ich an einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung leide, die weit über eine „übertriebene Diät“ hinausgeht. Ich weiß, dass die Gründe für die Entwicklung meiner Essstörung in meiner Familie, meiner Persönlichkeit und in frühen, teils traumatischen Erfahrungen zu finden sind. Doch ich weiß auch, dass gesellschaftliche Einflüsse eine besondere Rolle bei der Entwicklung meiner Erkrankung einnahmen – wie beispielsweise die verbreiteten Schönheitsnormen und wahrgenommene Erwartungen an mich als (werdende) Frau.

Essstörungen entwickeln sich nicht in einem Vakuum. Es gibt Gründe, aus denen Betroffene explizit dieses Verhalten zeigen und die liegen in der Gesellschaft, in der junge Menschen erwachsen werden. Häufig wird das essgestörte Verhalten als Symptom tieferliegender Probleme abgetan: Hungern ist dann nur das Mittel zum Zweck, um Kontrolle über das eigene Leben zurückzuerlangen, weil man sich Problemen in der Familie, Mobbing in der Schule oder dem Leistungsdruck im Beruf hilflos ausgeliefert fühlt. Essen bis zur Bewegungslosigkeit ist dann nur ein Weg, um belastende Erfahrungen für einen Moment zu vergessen, um Alltagsstress und Traumata zu entfliehen. Durch das Erbrechen ließe man unterdrückte Wut und aufgestauten Ärger raus, und durch stundenlanges Joggen vermeide man die Auseinandersetzung mit toxischen Beziehungsmustern in Familie oder Partnerschaft. Es ist etwas dran an diesen Erklärungsversuchen und doch tun sie der Komplexität einer Essstörungserkrankung unrecht, indem sie ihre Ursachen auf die erkrankte Person selbst reduzieren. Auf diese Weise wird der Versuch unternommen, Kultur und Gesellschaft von ihrer Verantwortung für die massenhafte Entwicklung von Essstörungen bei jungen Menschen freizusprechen. Ich behaupte: Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich und wird dazu führen, dass immer mehr Menschen an ihren Essstörungserkrankungen oder deren Folgen sterben.

Essstörungen sind ein Produkt der Diätkultur

Ich bin mir sicher, dass ich den Wunsch abzunehmen und so auszusehen wie die Mager-Models in meinen Zeitschriften nicht entwickelt hätte, wenn eben jene Models nicht als der Inbegriff von Schönheit gehandelt werden würden. Unser Schönheitsideal ist noch immer eine absolut unrealistische und zumeist auch ungesunde Utopie. Modelmaße widersprechen dem natürlichen Bau vieler Körper und sind in den allermeisten Fällen, wenn überhaupt, nur im Untergewicht erreichbar.

Hinzu kommt, dass dünne Körper ironischerweise häufig mit Gesundheit und moralischer Überlegenheit gleichgesetzt werden. Hingegen gelten dicke Körper als ungesund und werden mit Willensschwäche und Faulheit assoziiert. In dieser Logik ist kein Raum für sportliche und gleichzeitig dicke Menschen, oder für mangelernährte und zugleich schlanke Personen. Auf diese Weise werden Menschen, deren Körper nicht dem „gesunden Ideal“ entsprechen, systematisch unterdrückt – zu ihnen gehören überdurchschnittlich viele Frauen, übergewichtige Personen und Menschen mit Behinderung. Diäthalten und Gewichtsverlust werden als das anzustrebende Ideal angepriesen, was dazu führt, dass vor allem Frauen enorm viel Zeit, Geld und Kraft in die vermeintliche Perfektion ihres Körpers investieren. Bestimmte Nahrungsmittel werden als „ungesund“ und/oder „dickmachend“ stigmatisiert und sie zu essen mit Scham besetzt, während andere Nahrungsmittel zu wählen als gesundheitsbewusst und vernünftig betrachtet wird. Das führt dazu, dass viele Menschen übertriebenen und häufig krankhaften Fokus auf die Auswahl und Zusammenstellung ihrer Nahrungsmittel legen, während sie dadurch ihre physische wie psychische Gesundheit gefährden.

Wir alle müssen unsere Beziehung zum Essen klären

Ich behaupte nicht, dass ich keine anderen Probleme hatte, die zur Entwicklung meiner Essstörung beitrugen. Ich sage nur, dass ich vermutlich keine Sucht danach entwickelt hätte, immer und immer weniger zu wiegen, wenn mir vorher nie vermittelt worden wäre, dass ich dünn sein muss, um etwas wert zu sein. Ich hätte nicht begonnen Essen in mich reinzuschaufeln, nur um es anschließend wieder zu erbrechen, wenn mein Körper nicht im andauernden Zustand des Verhungerns gewesen wäre. Wenn ich gelernt hätte, auf die Signale meines Körpers und nicht auf die Forderungen eines kranken gesellschaftlichen Systems zu hören, dann wäre ich nicht auch selbst krank geworden.

Dies ist deshalb ein Appell, unrealistische Körperbilder, falsche Schönheitsideale und krankhafte Einstellungen zu Essen und Ernährung endlich aus unserer kollektiven Kultur zu verbannen. Jede*r von uns sollte endlich seine*ihre Beziehung zu Essen und Ernährung klären. Nicht nur, aber besonders im Sinne einer Prävention der psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit: Essstörungen.


Foto: (c) pixabay.com

7. Januar 2021

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Lena Gröbe