Lernen bis spät in die Nacht, ständig an die nächste Abgabe denken und bloß nicht den Anschluss verlieren: Für viele Studierende wird Leistungsdruck zum Dauerzustand. Doch wann wird aus Stress eine ernsthafte Erschöpfung? Zwei Therapeut:innen der Psychotherapeutischen Beratungsstelle in Lüneburg erklären, welche Warnsignale Studierende ernst nehmen sollten – und warum Pausen allein manchmal nicht reichen.
Jeden Tag bis 22 Uhr in der Bibliothek lernen – für viele Studierende gehört das zum Alltag. Prüfungen, Abgabefristen und der Anspruch, möglichst gute Leistungen zu erbringen, können dabei zu dauerhaftem Stress führen. Eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse zeigt, wie hoch die Belastung unter Studierenden ist: 41 Prozent fühlen sich häufig gestresst, 35 Prozent weisen eine hohe oder sehr hohe emotionale Erschöpfung auf.
Wenn der Leidensdruck zu groß wird, können sich Studierende an die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks OstNiedersachsen wenden. Anders als bei einer kassenärztlichen psychotherapeutischen Behandlung ist die Beratung kostenlos, ohne ärztliche Überweisung möglich und wird nicht dokumentiert. Dennoch nehmen laut der Beratungsstelle nur rund 600 der etwa 10.000 Studierenden in Lüneburg das Angebot wahr.
Karina Bostelmann, Diplom-Pädagogin und Systemische Therapeutin, und Henner Janssen, Diplom-Sozialpädagoge und Gestalttherapeut, beraten Studierende in der Psychotherapeutischen Beratungsstelle. Im Interview sprechen sie darüber, welche Glaubenssätze bei Studierenden mit Burnout besonders häufig vorkommen, wie sich eine tiefe Erschöpfung frühzeitig erkennen lässt und was dabei helfen kann, wieder herauszufinden.
Mit welchem Anliegen kommen Studierende derzeit am häufigsten zu Ihnen in die Beratungsstelle?
Henner Janssen: Das lässt sich nicht so einfach sagen. Wenn man zu uns kommt, dann füllen wir eine Symptomkarte aus und machen ein paar Kreuze bei Kategorien wie Depressionen oder Ängsten. Ich glaube, am häufigsten setzen wir das Kreuz bei Stressbelastungen, Überforderungsgefühlen und Erschöpfung. Ansonsten ist das Spektrum sehr breit gestreut: von depressiven Episoden über sehr konkrete Konflikte in der WG, Schwierigkeiten mit den Eltern, Sorgen um die Studienfinanzierung.
Karina Bostelmann: Auch ein Riesenthema, das natürlich auch etwas mit der Klientel zu tun hat, ist Prokrastination, also Aufschiebeverhalten. Ich glaube, wenn wir Menschen aus bestimmten Berufsfeldern bei uns hätten, hätten wir das Thema Prokrastination nicht so stark vertreten. Das liegt daran, dass Studierende sich selbst organisieren müssen.
Sie sprechen von Stress- und Erschöpfungssymptomen. Ich würde gerne noch einmal auf den Begriff „Burnout“ zu sprechen kommen, der heute oft auch umgangssprachlich verwendet wird. Was versteht man aus psychologischer Sicht unter einem Burnout?
Bostelmann: Beim Burnout gibt es sehr verwischte Grenzen zu Erschöpfungsdepressionen. Wir hier bei der psychologischen Beratungsstelle machen keine Diagnostik, deswegen ist die Frage, welche Diagnose wir jemandem geben würden, für uns nicht so relevant. Ich würde aber auf jeden Fall sagen, dass wir hier Leute mit Erschöpfungssymptomatiken sehen. Nicht jede erschöpfte Person hat aber eine Erschöpfungssymptomatik, die einen Krankheitswert hat. Manchmal weiß man, wenn die Person die zwei Prüfungen und Abgaben hinter sich hat und zur Ruhe kommt, dann hat sie sich in drei Wochen wieder gut regeneriert. Ein Burnout ist etwas Langanhaltendes, wofür es auch spezielle Kliniken gibt. Es wird auch ganz oft in einem beruflichen Kontext gesehen. Dem stimme ich persönlich nicht zu.
Wenn Studierende mit Erschöpfungssymptomen zu Ihnen kommen: Woran erkennen Sie, dass es sich nicht mehr nur um Stress, sondern um eine schwerwiegendere Erschöpfung handelt?
Bostelmann: Wenn jemand gar nicht rauskommt.
Janssen: Genau, wenn jemand auch über eine nach außen sichtbar stressige Zeit hinaus keine Ressourcen mehr findet, sich zu erholen. Wenn sich der Rhythmus nicht wieder herstellt, auch wenn Abstand gewonnen werden kann.
Bostelmann: Wenn keine Lebensfreude aufkommt oder auch eine gewisse Abgestumpftheit oder Zynismus. Ein Burnout ist oft stark mit Leistung verknüpft. Wir sehen bei vielen Studis, dass am Anfang ein großer Wille zur Überleistung da ist. Wenn dann aber irgendwann so etwas wie eine Abstumpfung oder ein Gefühl von Sinnlosigkeit eintritt, würde man von einem Burnout sprechen.
Janssen: Da gibt’s auch sehr durchlässige Grenzen zu depressivem Erleben. Ich tue mich schwer mit einer ganz klaren Definition von Burnout, weil es so viele Elemente aus anderen Krankheitsbildern hat.
Gibt es typische Lebenssituationen oder wiederkehrende Muster, mit denen Studierende zu Ihnen kommen?
Bostelmann: Natürlich oft kurz vor, während oder nach einer Prüfungs- oder Abgabephase, wenn die Anforderungen steigen. Die meisten kommen, wenn es brennt.
Janssen: Ich glaube, es gibt auch so etwas wie klassische Studiengänge. Rechtswissenschaften sind zum Beispiel ein Studiengang, der von den Anforderungen sehr intensiv ist. Oder Lehramtsstudierende, die Schwierigkeiten haben, wenn es auf das Referendariat zugeht. Praktika sind häufig Situationen, in denen Menschen vorher kommen, weil sie Angst haben. Oft verläuft das ein bisschen zyklisch zum akademischen Kalender.
Bostelmann: Manchmal ist es auch so, dass sich diese Erschöpfung schon körperlich zeigt. Schlafprobleme sind ein Riesenthema. Wenn Menschen über Wochen oder Monate nicht in einen erholsamen Schlaf finden, dann ist ja klar, dass sie generell dünnhäutig werden und sich nicht so leistungsfähig fühlen. Das zeigt sich bei manchen Klient:innen und ist dann auch ein Hinweis, dass etwas vorliegt, das sich schon körperlich manifestiert hat. Wenn man diagnostisch auf ein Burnout guckt, geht das oft einher mit körperlichen Symptomen: Magenbeschwerden, Nervenschmerzen, Kopfschmerzen.
Können Sie Charaktermerkmale oder Gemeinsamkeiten in den Lebensumständen dieser Studierenden feststellen oder ist es sehr individuell?
Bostelmann: Ich finde es individuell.
Janssen: Ja, das ist individuell. Also eine gute Voraussetzung dafür ist ein sehr leistungsorientiertes Elternhaus, dieses ständige Vergleichen mit anderen und eigene extrem hohe Erwartungen an die Notenperformance.
Sie haben schon ein paar Beispiele genannt: Gibt es bestimmte Belastungen im Studium, die immer wieder eine Rolle spielen?
Janssen: Ich finde grundsätzlich alle Umbruchphasen im Studium. Überall da, wo Sicherheit verloren geht, die vorher gegeben war: der Wechsel vom Bachelor zum Master; der Wechsel von einer WG; wenn Freunde wegziehen oder wenn das eigene Studium sich auch dem Ende nähert. All das ist ein guter Acker, auf dem Stresssymptome wachsen können.
Bostelmann: Und ergänzend dazu: die Anfangsphase des Studiums. Im Elternhaus war der Kühlschrank meistens voll, die Wäsche lag vielleicht schon bereit. Wenn man seinen Haustürschlüssel vergessen hat, dann haben die Eltern einen nachgemacht und waren da, um die Tür zu öffnen. Es sind oft kleine Alltagsdinge, die plötzlich wegfallen. Deswegen spüren viele am Ende des ersten Semesters eine so große Erschöpfung und das zweite Semester ist dann oft das, in dem es mit Prüfungen richtig losgeht.
Janssen: Das liegt ja auch noch daran, dass das Leuphana Semester so ein besonderes ist, und man hat das Gefühl: „Was studiere ich eigentlich?“ Es ist noch gar keine richtige Zuordnung erkennbar. Viele fühlen sich dann ganz doll verloren.
Gibt es da bestimmte Sätze oder Gedanken, die Sie von Betroffenen immer wieder hören?
Janssen: „Ich kann das nicht“, „Ich werde scheitern“, „Ich werde das nicht so gut machen wie …“ oder „Von mir wird erwartet, dass …“. Und das sind alles nur Gedanken, die vermutlich nie jemand ausgesprochen hat.
Bostelmann: Viele Studierende haben das Gefühl, dass bestimmte Leistungen von ihnen erwartet werden. Wenn man genauer nachfragt, zeigt sich aber selbst in leistungsorientierten Elternhäusern nur selten, dass die Familie oder das Umfeld tatsächlich einen bestimmten Notenschnitt oder ein bestimmtes Ergebnis erwartet. Das sind meistens die Menschen selbst. Ganz viele, die zu uns kommen, gehörten in der Schule in ihrem Jahrgang mit 80 Leuten zu den besten fünf oder zehn. Und wenn hier lauter Leute sind, die immer zu den Top fünf Prozent gehörten, denken sie plötzlich: „Oh Gott, die anderen sind ja alle so gut, wo ist denn hier mein Platz?“ Das macht bei vielen etwas mit dem Selbstwert, auch ohne dass die Eltern mit einer Erwartung dahinterstehen.
Hat sich die Zahl der Studierenden, die mit Stress- oder Erschöpfungssymptomen zu Ihnen kommen, in den vergangenen Jahren verändert?
Bostelmann: Ich finde nicht wirklich so doll. In den Medien wurde viel davon gesprochen, dass sich durch Corona ganz viel verändert hat. Ich finde schon, dass sich durch Corona zeitweilig viel verändert hat, aber als ich 2019 hier als Honorarkraft war, waren es die gleichen Themen wie jetzt.
Janssen: Ich persönlich nehme es auch nicht so wahr. Ich habe das Gefühl, dass die Belastung immer schon sehr, sehr groß war. Ich weiß aber, dass es Studien gibt, zum Beispiel von der Techniker Krankenkasse, die sagen, dass die Überlastungsgefühle von Studierenden deutlich zugenommen haben, auch im Vergleich zur Vor-Coronazeit.
Wie unterstützen Sie Studierende, die mit einer solchen Erschöpfung zu Ihnen kommen?
Bostelmann: Wenn jemand wirklich ganz doll erschöpft ist, sodass wir auch körperliche Symptome wie Schlafmangel oder Appetitverlust sehen, dann verweisen wir auch manchmal auf den Hausarzt oder auf eine Klinik.
Janssen: Manchmal geht es auch um die Anregung, ein Urlaubssemester zu nehmen oder einen Ort zu schaffen, an dem man sagen kann: „Ich bin erschöpft und kann nicht mehr.“ Einen Ort außerhalb des Freundeskreises, an dem man niemandem zur Last fallen muss und Dinge besprechbar sind, ohne bewertet zu werden. Und dann geht es darum, eine Struktur zu finden, die einem wieder das Gefühl von Kontrolle gibt und hilft, den Überblick zu bekommen. Oft frage ich, was die Studierenden zuerst weggelassen haben, als sie gemerkt haben, dass es so anstrengend wird. Dann sind es meist die Dinge, die guttun: Sport, Freunde treffen, länger schlafen oder sich einfach mal einen Tag freizunehmen. Es gibt auch Studierende, die sagen: „Ich mache sieben Tage die Woche mein Pensum und sitze bis um 22 Uhr in der Bib.“ Eine Struktur zu schaffen, die wieder Erholungsphasen, Regeneration und Erfolgserlebnisse ermöglicht, ist deshalb etwas sehr Wesentliches.
Bostelmann: Wir sagen immer gerne: Kein Thema, mit dem man herkommt, ist zu groß, aber vor allem auch keins ist zu klein. Man nimmt niemandem den Platz weg, wenn man erstmal kommt, um gemeinsam mit uns zu sortieren, was eigentlich los ist und was hilfreich sein kann.
Janssen: Das ist eine große Angst vieler Menschen, dass sie jemandem den Platz wegnehmen. Das ist auch immer ein bisschen traurig, weil hier natürlich jeder sein darf.
Was können Studierende selbst tun, um einer so tiefen Erschöpfung vorzubeugen?
Bostelmann: Pausen. Eine Pausenkultur mit verschiedenen Formaten von Pause und diese als elementaren Bestandteil anzusehen, ist super wichtig. Die großen Pausen im Leben sind Schlaf und Mahlzeiten, und dann gibt es kleine Pausen. Welche Formate von Pausen jemand macht, ist sehr individuell. Manche Menschen brauchen zum Beispiel mehr Bewegungspause. Wir verteufeln auch nicht, zwischendrin mal Netflix oder Instagram zu gucken, aber das soll dann bewusst sein.
Janssen: Im Grunde die drei „R“: Rhythmus, Regelmäßigkeit, Routinen. Also eine Struktur zu schaffen, die auch Belastung mittragen kann. Und Struktur bedeutet auch, zu entscheiden, wann der Arbeitstag zu Ende ist. Natürlich gibt es Situationen kurz vor der Abgabe, wo man vielleicht auch mal bis 23 Uhr am Schreibtisch sitzt. Aber grundsätzlich ist es wichtig, zu einem von mir definierten Zeitpunkt das Schild umzudrehen und dann steht da „Feierabend“ und nicht mehr „Arbeit“. Das Problem am Studieren ist, dass immer irgendetwas zu tun ist. Sich darin zu organisieren, das ist die große Kunst des Studierens.
Bostelmann: Und ich habe vorhin schon das Wort „Prokrastination“ erwähnt. Wenn man immer prokrastiniert, führt das auch zum Burnout, weil man ja immer mit einem schlechten Gewissen lebt. Es geht auch darum zu gucken, warum Menschen prokrastinieren. Prokrastiniert wird oft, weil Menschen nicht wissen, wie sie überhaupt anfangen sollen. Es gibt Menschen, die prokrastinieren mit ADHS oder Autismus. Darauf zu schauen ist auch wichtig, weil nicht alle ein Burnout haben, weil sie zu viel gemacht haben. Manche haben eins, weil ihr Nervensystem seit Wochen und Monaten so angespannt ist, weil sie eben nicht das tun, was zu tun ist.
Janssen: Und es gibt ganz pragmatische Sachen: Sport ist etwas unglaublich Hilfreiches. Vielleicht hat der eine aber keine Lust auf Sport und singt lieber im Chor. Viele Studierende haben erschreckend wenig Hobbys oder sinnliche Dinge, mit denen sie sich beschäftigen können, die ja auch erfahrbar sind. Was im Studium passiert, passiert ja meistens auf kognitiver Ebene. Irgendwas mit den Händen zu machen, tut gut. Entspannungsverfahren zu erlernen, tut gut. Solche Sachen müssen eigentlich ein elementarer Bestandteil des Tages sein.
Bostelmann: Zugleich gibt es die, die von all dem zu viel haben: die in der Fachschaft sind, die in der politischen Gruppe sind, die ein Instrument spielen und in der Theater-AG sind und ganz viele verschiedene Freundeskreise haben oder die sich politisch engagieren. Das kann dann bis zu einem aktivistischen Burnout gehen. Und die außerdem von sich selbst Top-Leistungen erwarten, weil sie ja auch immer gut in der Schule waren. Die Dosis ist das Gift.
Was würden Sie Studierenden gerne mitgeben, die glauben, einfach nur „funktionieren“ zu müssen?
Janssen: Ihr seid mehr als das Studium. Kümmert euch gut um euch. Scheitern ist wichtig. Zu glauben, ich gehe durch ein Studium und ich werde niemals eine Note schreiben, vor der eine Drei steht, ist eine Illusion. Und wenn, dann zahle ich einen hohen Preis dafür. Um mich kümmern heißt, ich versorge mich in meiner Gesamtheit. Ich verzichte also nicht darauf, Menschen zu sehen. Ich engagiere mich auch, aber ich gucke, dass sich die Balance hält. Ich versuche nicht im Morgen zu leben, sondern im Jetzt. Was nützt es mir, mit 21 zu überlegen, ob ich mit 28 einen Job kriege? Das weiß ich nicht. Ehrlich gesagt ist das ein Risiko. Aber ich kann jetzt etwas dafür tun, dass ich gesund bleibe.
Bostelmann: Genau, schließe ich mich zu 100 Prozent an. Wenn ich jetzt dafür sorge, dass ich gesund bleibe, mache ich ja auch schon eine Vorsorge für die Zukunft.
Du brauchst Unterstützung?
Hilfe bekommst du online bei der Psychologischen Beratungsstelle Lüneburg des Studierendenwerks OstNiedersachsen oder vor Ort:
Psychologische Beratungsstelle Lüneburg
Studierendenwerk OstNiedersachsen
Munstermannskamp 3
21335 Lüneburg
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