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Ein Jahr Online-Lehre: Aktuelles Stimmungsbild an der Leuphana

Die Fachgruppenvertretungen (FGV) für die Studiengänge der Fakultät Wirtschaftswissenschaften, welche durch die Fachschaft BEM vertreten werden, haben kürzlich eine Umfrage gestartet, die das aktuelle Stimmungsbild an der Leuphana im Bezug auf die Online-Lehre abbilden soll. Es wurden verschiedene Aspekte erfragt – unter anderem, ob und welche Problematiken sich beim Onlinestudium ergeben, was sich die Studierenden wünschen und wie es uns im Allgemeinen geht. Ein paar Zwischenergebnisse.

Grundsätzlich gab die Mehrheit der Studierenden an, technisch gut für das Onlinestudium ausgestattet zu sein und großteils stabiles Internet zu haben. Fast 93 % Prozent der Teilnehmenden planen zudem, ihr Onlinestudium ohne Unterbrechungen oder Veränderungen fortsetzen zu wollen.

Im Bezug auf die wahrgenommene Qualität der digitalen Lehre ergeben sich allerdings gravierende Unterschiede und es stellt sich heraus, dass der Erfolg eines digital stattfindenden Seminars oder einer Vorlesung maßgeblich mit der Lehrkraft zu tun hat, die diese gibt.

Eines der am häufigsten angesprochenen Probleme hatte mit der technischen Kompetenz der Dozierenden zu tun – wer mit dem Handling von Zoom nicht zurecht kommt und dadurch Zeit verliert, Meldungen oder Nachfragen via Chat nicht wahrnimmt oder nicht in der Lage ist, Tools wie Umfragen oder Breakout-Sessions zu bedienen, nimmt qualitative Abstriche in Kauf und sorgt dafür, dass sich viele Studierende allein gelassen und nicht ernst genommen fühlen. Vielfach bemängelt wurde beispielsweise, dass ein Dozierender am Anfang des Semesters einfach sämtliche Materialen hochlud in Form von Texten und vertonten PowerPoint-Präsentationen und niemals live eine Vorlesung gab. Besonders problematisch wird diese Form der Lehre bei Übertragungs- oder Datenfehlern (bspw. in Form von fehlenden Tonspuren), oder zu vielen unterschiedlichen Plattformen, auf welchen Material hochgeladen wird. Vielen Studierenden fehlt die Interaktion mit anderen Komilliton_innen, was durch eine technisch versierte Umgangsweise mit den Onlinetools zumindest teilweise ausgeglichen werden könnte. Ein hochgeladenes Video einer aufgenommenen, abgelesenen Vorlesung ist ja an sich nicht abzulehnen – der Stoff werde ja vermittelt. Doch geschieht dies Woche für Woche, weil die Lehrkraft kein Interesse dafür aufbringt, sich mit Zoom auseinanderzusetzen, ist nicht davon auszugehen, dass sich so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl auch nur ansatzweise einstellt.

Es gab für viele Lehrkräfte Lob, wenn diese sich aktiv engagierten, um auch in der Onlinelehre ein Verhältnis zu ihren Studierenden aufzubauen und auf kreative Ideen kamen, wie man die digitale Lehre möglichst vielfältig gestalten kann. Neben einer allgemeinen Kommunikationsbereitschaft und Offenheit, wenn es um Nachfragen, Sorgen und Anliegen rund ums Studium und den Lernstoff geht, schätzen Studierende auch die Erreichbarkeit ihrer Dozierenden. Im Gegenzug bemängeln sie ein wahrgenommenes Desinteresse, ob der Stoff auch wirklich vermittelt wurde und wie man als Studierende_r mit der Situation zurechtkommt.

Gestiegener Workload im Onlinestudium

Neben der mangelnden technischen Kompetenz und Lernbereitschaft der Dozierenden sprechen über 70 % aller Teilnehmenden der Umfrage von einem viel höheren Workload im Vergleich zu Präsenslehre und vor allem über die unverhältnismäßig angestiegene Dichte an Klausuraufgaben, um Betrugsversuche während der Prüfung durch Zeitmangel zu vermeiden. Diese Überkompensation führt bei vielen zu Stress und nimmt teilweise Ausmaße an, die dazu führen, dass die Aufgaben nicht vollständig bearbeitet werden, obwohl Antworten theoretisch hätten gegeben werden können. Dass Online-Prüfungen, die man zuhause ablegt, aber auch Potential haben, wird in der Umfrage ebenfalls deutlich. Einige Teilnehmende sprachen davon, zuhause wesentlich entspannter gewesen zu sein, und lobten beispielsweise kreative Lösungen wie Mini-Take-Home-Exams, in deren Rahmen man einige Tage Zeit hatte, um zur Aufgabenstellung ein Essay zu schreiben. Die erforderliche Transferleistung und die aktive Beschäftigung mit dem Stoff sorgte dafür, dass Gelerntes selbst- und im eigenen Tempo gut angewendet werden konnte. Auf diese Weise muss man sich auch nicht andauernd mit dem impliziten Vorwurf auseinandersetzen, dass man bei der Klausur durch den Blick in die eigenen Notizen schummelt. Die thematische Beschäftigung mit dem Stoff trägt auf diese Weise mehr Früchte als stumpfes Auswendiglernen, welches in vielen zeitbeschränkten Onlineklausuren als notwendig wahrgenommen wird.

Online-Prüfungen und Herausforderungen

Ein großes Problem stellt die unzureichende technische Versiertheit einiger Lehrkräfte vor allem bei Prüfungen dar. Bei einigen Prüfungen war es erforderlich, viele Seiten auszudrucken, handschriftlich zu bearbeiten, anschließend einzuscannen und dann zurückzuschicken. Studierende, die keinen Drucker besaßen oder deren technische Geräte einfach nicht so schnell und zuverlässig funktionieren, mussten teilweise mit viel Mühe eine andere Lösung finden, verloren wegen der technischen Probleme übermäßig viel Zeit (trotz der mit einberechneten Puffern), hatten ein hohes Stresslevel und fühlten sich anderen Studierenden mit besserem Equipment gegenüber benachteiligt. Währenddessen wurden Lehrkräfte hoch geschätzt, die mit verschiedenen neuen Methoden wie mehreren Teilprüfungen und unterschiedlicher Gewichtung von Prüfungsleistungen für eine Entlastung der Situation sorgten. Ob und wie gut eine Prüfung online abgelegt werden kann, hat also in hohem Maße mit der individuellen Vorbereitung der Lehrkraft zu tun. Die Vielzahl an unterschiedlichen Formen der Klausuren (herunterladen und einscannen, EvaExam, Moodle, Take-Home-Exams, etc.) sorgt auch für eine Sehnsucht nach Einheitlichkeit. Es wurde mehrfach der Vergleich zu Fernuniversitäten gezogen, deren Qualität durch ihre Spezialisierung auf Online-Lehre mittlerweile als höher eingeschätzt wird als die von Präsenz-Unis, welche mit den Herausforderungen rund um die Onlinelehre noch überfordert sind.

Wie geht es weiter?

Ob und wie die Lehre sich in Zukunft gestalten soll, wird unterschiedlich beurteilt. Viele wünschen sich aufgrund der Problematiken eine Rückkehr zur Präsenzlehre mit Sicherheitsvorkehrungen; vor allem die Öffnung der Bibliothek ist vielen ein großes Anliegen. Hierbei geht es auch um die simple Möglichkeit, die eigenen Räumlichkeiten mal wieder zum Lernen verlassen zu können. Dabei stellte sich auch heraus, dass die Bereitschaft, sich vorher zu testen und anzumelden,  auf jeden Fall vorhanden ist. Andere sprechen sich für Hybrid-Konzepte aus, die es ermöglichen, sowohl physisch als auch online an Veranstaltungen teilnehmen zu können. Allerdings wird diese Idee auch kritisch gesehen, denn gerade bei Lehrkräften, die eher analog geprägt sind, stellt sich bei hybriden Veranstaltungen oft heraus, dass online Teilnehmende benachteiligt sind, weil sie nicht im selben Maße wahrgenommen werden. Hier könnten gezielte Schulungen aller Dozierenden helfen, solche Konzepte für die Zukunft besser möglich zu machen – fast 60 % der Befragten sprechen sich bereits dafür aus, dass Lehrkräfte von der Universität eine Schulung im Bezug auf Onlinetools erhalten. Viele der Teilnehmenden sind für eine weiterhin stattfindende Onlinelehre, wobei diese qualitativ noch optimiert werden und auch nach der Pandemie verfügbar bleiben soll. Dadurch, dass viele Studierende pandemiebedingt nicht mehr in Lüneburg wohnen oder gar nicht erst zugezogen sind, herrscht Besorgnis, wie man die Situation im Falle einer wieder voll eingeführten Präsenzlehre löst. Aber auch den Lüneburger_innen wäre mehr langfristige Planungssicherheit im Bezug aufs kommende Semester lieb.

Wie geht es uns?

Was das allgemeine Wohlbefinden der Studierenden angeht, sieht der Umfrage nach nicht rosig aus. Das am häufigsten geäußerte Symptom der ewig andauernden Onlinelehre sind Konzentrationsschwierigkeiten (fast 80 %), die dem vielfach geäußerten erhöhten Workload diametral gegenüberstehen. Über 70 % leiden unter Niedergeschlagenheit und mehr als ein Drittel klagt über Schlafstörungen. Knapp 36 % der Befragten geben an, unter weiteren psychischen Belastungen zu leiden – dies wird leider nicht näher ausgeführt, doch im Anbetracht der hohen Quote von Teilnehmenden, die angeben, an Niedergeschlagenheit zu leiden, liegt die Vermutung zumindest nah, auch depressive Verstimmungen mit zu bedenken. Wortwörtlich wurde in der Umfrage auch geäußert, wie schwierig es geworden sei, morgens überhaupt aufzustehen, wie jegliche Motivation fehle und der Spaß am Lernen völlig abhanden gekommen sei. Zu den Vorreitern der körperlichen Belastungen gehören Rückenschmerzen, dicht gefolgt von Kopf- und Augenschmerzen.

Selbstverständlich geht es nicht allen Studierenden zwangsläufig so. Es wird viel Lob für engagierte Dozierende geäußert, die aus der digitalen Lehre das Beste machen. Positive Erfahrungen wie eine gelungene Prüfung oder ein Gruppengefühl trotz Zoom-Konferenz werden in den meisten Fällen in Veranstaltungen gemacht, in denen die Lehrkräfte ein Interesse für die Studierenden aufbringen und sich aktiv an Lösungen für bestehende Problematiken der Onlinelehre machen. Viele Aussagen in der Umfrage zeugen jedoch von großem Frust, und viele Studierende wünschen sich neben mehr Rücksichtnahme der Lehrkräften bezüglich der psychischen und körperlichen Belastungen des Onlinestudiums auch ein besseres Handling der Prüfungssituation und weniger „Wirrwarr“ im Bezug auf unterschiedliche Plattformen. Auch mehr Programme zur Bildung von Lernteams und -Gruppen, um Kontakte zu anderen Studierenden aufzubauen, sowie mehr Angebote für psychologische Betreuung fänden Unterstützung. Ebenfalls wurde häufig der Wunsch nach mehr Plätzen in Seminaren geäußert, da die begrenzten Zahlen es für viele schwierig machen, sich ihr Studienprogramm nach den persönlichen Interessen und Schwerpunkten zusammenzustellen.

Es gibt Mittel und Wege

Dass die digitale Lehre viele neue Herausforderungen mit sich bringt, ist vielen klar. Jedoch ist der Frust nach mittlerweile mehr als einem Jahr der Onlinelehre dahingehend angestiegen, dass viele Prozesse sich auch nach Monaten nicht maßgeblich angepasst und verbessert haben. Gerade viele Erstsemester-Studierende fühlten sich beim Schreiben ihrer ersten wissenschaftlichen Arbeiten in Seminaren häufig orientierungslos, da außer einer Handreichung mit einigen Eckdaten nur die Lehrkraft bleibt, an die man sich online wenden kann und wenn man von dieser Seite nicht die benötigte Hilfe erhält, ist man völlig ohne Erfahrungswerte aus sich allein gestellt. Wie sehr ein erfolgreiches Studium vom Willen und der Bereitschaft der Lehrkräfte abhängt, sich selbst auch mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen, macht die Umfrage deutlich. Es wäre wünschenswert, wenn von der Universitätsleitung selbst Maßnahmen ergriffen würden, um die Dozierenden technisch nochmals zu schulen und im Bezug auf die Herausforderungen des Onlinestudiums zu sensibilisieren. Digitale Lehre bringt viele neue Themenfelder mit sich: während sich viele Studierende beispielsweise wünschen, dass in Video-Konferenzen das Einschalten der Kamera verpflichtend eingeführt wird, klagen andere über innere Hürden und Angst, sich in Zoom-Konferenzen zu Wort zu melden oder die Kamera einzuschalten. Sich als Lehrkraft mit solchen Problematiken zumindest einmal beschäftigt zu haben, wäre wichtig. Auch können Regelungen hilfreich sein, die beispielsweise regelmäßige Live-Vorlesungen oder Q&A-Sessions voraussetzen, oder die die Gleichbehandlung aller Studierenden in Prüfungssituationen sicherstellen. Letztendlich geht es bei dem Prinzip der Lehre ja darum, Wissen zu vermitteln und Interesse zu wecken und das ist mit bloßem zur Verfügung stellen des Stoffs nicht getan. Auch online haben Studierende ein Anrecht auf vielfältige Lehr- und Lernmöglichkeiten.  Gerade in der aktuellen Lage, wo sich die digitale Lehre auch noch für die kommenden Monate abzeichnet, ist es wichtig, sich als Studierende_r wahr- und ernstgenommen zu fühlen, um auch die künftige Zeit des digitalen Studiums mit Freude und Erfolg zu meistern – und dem Gefühl, etwas gelernt zu haben.


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Der Artikel beruht auf Zwischenergebnisse der Umfrage bei einer Teilnehmer:innenzahl von über 400 Studierenden.

Viktoria Steiber

Studiert Kulturwissenschaften mit Politikwissenschaften im Minor und mag Journalismus.

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