Das Leuphana Semester. Oder wie es auf der offiziellen Website steht, „Ankommen, Einsteigen, Durchstarten.“ Aber entspricht das der Realität? Oder überwiegt die Kritik dem Lob? Nun ist das Semester einmal mehr vorbei. In diesem Artikel wurde in drei Interviews mit Erstsemester-Studierenden Feedback gesammelt, ebenfalls wird eine Online-Umfrage aus Ersti-Gruppen in sozialen Medien ausgewertet. Auch der Pressestelle der Leuphana sind Fragen gestellt worden.
Das erste Semester wurde „reformiert“, hat sich verändert. Anders als letztes Jahr ist DataX nun ein gesondertes Modul mit eigener Klausur. In der Methoden-Klausur darf man keine digitalen Mittel zur Hilfe mehr verwenden. Und auch sonst gibt es genug Futter für Diskussionen.
Alle Interviews werden anonym wiedergegeben.
Das erste Interview fand am 22.01.2026 statt.
Am Anfang des Semesters, so der Student, gab es eine gemischte Erwartungshaltung. Viele seiner Interessensgebiete seien innerhalb des ersten Semesters nicht abgedeckt worden. „So richtig los“ ginge es erst im nächsten Semester, das Leuphana-Semester fühle sich eher so an wie eine „Wartesituation“. Dennoch hätte es auch gute Angebote gegeben.
Die Auswahl sei für ihn zufriedenstellend gewesen, jedoch sei es ein bisschen wie in der Schule; man werde vieles nicht mehr brauchen, müsse es aber dennoch für die Benotung machen. Dem „flipped-classroom System“ würde der Student Gruppenarbeit und Eigenständigkeit vorziehen. Die Fragen, die innerhalb des Systems in der Vorlesung von den Studierenden gestellt wurden, seien oft eher ausschweifend oder indirekt beantwortet worden.
Der Student ist neurodivergent. Er berichtet, dass auf den Vorlesungsfolien der Methoden-Vorlesung nur die von Studenten gestellten Fragen gestanden hätten, nicht aber Stichworte zu den Antworten. Dies hätte ihm geholfen. Des Weiteren seien teilweise bei den Videos, die innerhalb des „flipped-classroom Systems” Zuhause geschaut werden sollten, lediglich automatisch generierte, deutsche Untertitel verfügbar gewesen. Hier sagt er, könnte sich Investition in professionelle Untertitel, vielleicht auch auf Englisch, für eine bessere Lernerfahrung lohnen.
Das nun keine digitalen Mittel mehr in der Methoden-Klausur benutzt werden dürfen, empfindet der Student als frustrierend.
Bezüglich der Frage wie und ob das Gefühl da ist, dass die Uni Studierendenkritik wahrnimmt und umsetzt, hat der Student gemischte Gefühle. In Seminaren seien die Lehrevaluationen sehr hilfreich, die Professoren würden darauf eingehen. In den Vorlesungen des Leuphana-Semesters habe er aber eher nicht das Gefühl, dass die Kritik etwas verändern würde.
Zum Abschluss des Interviews erzählt er, dass die Struktur des Leuphana-Semesters für die erste Hälfte des Semesters einen entspannten Einstieg ermöglicht habe und interessant gewesen sei, er sich aber in der zweiten Hälfte zunehmend mehr Major-Inhalte gewünscht hätte.


Wie man hier sieht, war das Ergebnis der Studierenden in der Umfrage, welche in sozialen Medien durchgeführt wurde, recht eindeutig. Eine große Mehrheit von 71% der 50 Befragten kritisiert, wie der interviewte Student, dass nun keine digitalen Hilfsmittel mehr in der Methoden-Klausur erlaubt sind. 22% ist es egal, also gibt es einen nicht unwesentlichen Anteil, dem es gar nicht wichtig ist. 6% finden es gut.
Der Pressestelle der Leuphana schrieb ich die Frage:
Welchen genauen Hintergrund hat es, dass die Methoden-Klausur keine digitalen Mittel mehr als Hilfsmittel erlaubt? Letztes Jahr war dies noch erlaubt und auch darüber wird viel gesprochen.
Die Antwort war:
Die Gestaltung von Prüfungsformaten unterliegt didaktischen, prüfungsrechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen.
Die Entscheidung, bei der Methoden-Klausur auf digitale Hilfsmittel in diesem Jahr zu verzichten, hat vor allem organisatorische Gründe. Derzeit arbeiten wir daran, Klausuren auch in Zukunft in Großveranstaltungen anbieten zu können.
Eine weitere wichtige Frage ist, ob unter Erstsemester-Studierenden der Eindruck besteht, dass die Universität Feedback ernst nimmt. Hier geht hervor, dass lediglich 16% der Befragten diesen Eindruck haben. 38% sind sich unschlüssig und sogar 46% haben den Eindruck nicht.
Die Frage an die Pressestelle der Universität:
Wie beziehen Sie generell die positiven, sowie negativen Kritiken der Studenten in die Verbesserung des Leuphana-Semesters ein? Gibt es konkrete Vorgehensweisen?
Die Antwort dazu:
Ja, dies geschieht auf mehreren Ebenen. Für das Transformationsmodul probieren wir aktuell eine neue Form der Partizipation durch einen Studierendenrat, der mit zufällig ausgewählten Studierenden ins Gespräch geht. Darüber hinaus erfolgt nach jedem Semester eine Evaluation der einzelnen Module und des Leuphana Semesters insgesamt. Die Interessen der Studierenden werden in Gremien (z. B. Fachschaften, Studierendenparlament, Senat) vertreten und sie haben aktiv an der Reform des Leuphanasemesters mitgewirkt. Hier wird direkt mit den Verantwortlichen für das Leuphana Semester diskutiert. Daneben gibt es Feedbackrunden und Reflexionsgespräche.
Nicht jede Kritik führt unmittelbar zu einer Änderung, da wir unterschiedliche Interessen, Ressourcen und langfristige Zielsetzungen in Ausgleich bringen wollen. Dennoch werden Rückmeldungen systematisch ausgewertet und in Überarbeitungen von Modulen, Prüfungsformaten und Lehrkonzepten einbezogen. Das Leuphana-Semester verstehen wir nicht als statisches Modell, sondern als einen Lernprozess, auch auf institutioneller Ebene.
Das zweite Interview fand am 23.01.2026 statt.
Die Erstsemester-Studentin erzählt, dass am Anfang des Semesters keine klare Erwartung ihrerseits bestand. Die Ersti-Woche habe ihr gefallen, man kannte niemanden, habe alles mitnehmen wollen. Es habe eine tolle Atmosphäre geherrscht und das Programm in der Startwoche habe sie als sehr durchdacht erlebt.
Nicht so strukturiert seien für sie die Module innerhalb des Leuphana-Semesters gewesen, sie habe diese Anfangs als etwas unübersichtlich erlebt.
Dennoch, so berichtet sie, habe sie das Gefühl gehabt von der Uni aufgefangen zu werden. Ihre Mitbewohner*innen aus älteren Semestern hätten beim Stundenplan geholfen und die verschiedenen Hilfszentren seien von der Uni vorgestellt worden.
Bezüglich des Inhalts der Module blickt die Studentin insofern positiv auf das Semester zurück, dass das übergreifende Lernen interessant und hilfreich gewesen sei.
Dennoch gibt es auch einiges an Kritik; die Motivation sei nicht immer groß gewesen, vor allem in DataX, wo man sich sein Thema nicht habe aussuchen dürfen. Manche Module, so berichtet sie, machten mehr Spaß als die Major-Inhalte, allerdings könne man sich vom Major auch noch gar kein richtiges Bild machen. Es sei alles in einem ein sanfter Einstieg gewesen, aber eher nervig für Studenten, die bereits genau wissen, was sie machen wollen. Würde das Angebot so wie es jetzt sei freiwillig sein, sagt sie, würde es wahrscheinlich keiner nehmen.
Das „flipped-classroom System” habe sie als nicht sehr hilfreich wahrgenommen, die Lehrweise sinke aus ihrer Perspektive eher die Motivation und Fragen seien in der Vorlesung ausschweifend beantwortet worden.
Bezüglich der Klausur, in der nun keine digitalen Mittel mehr erlaubt sind, habe sie Verständnis. Aus akademischer Sicht sei es wohl eine sinnvolle Änderung.
Feedback von Studenten an die Uni, so die Studentin, werde in Seminaren ernst genommen. Allgemein habe sie das Gefühl, dass Feedback bei der Uni ankommt. Jedoch sei es wahrscheinlich unterschiedlich, wer welches Feedback wie auffasst.
Auf den Workload schaue sie mit einem guten Gefühl zurück. Als Kritikpunkt führt sie aber an, dass zum Anfang des Semesters eine inhaltliche Struktur gefehlt habe. „Man hat oft geguckt, ob man nicht doch irgendwas übersehen hat”. Ein strukturierterer Umgang mit Prüfungsinhalten und formellen Angaben, vor allem im Transformationsmodul, finde sie wünschenswert. Des Weiteren sei es nervig, die Konferenzwoche erst Ende Februar zu haben, aber das sei ja nur einmalig.


Wie in der Grafik zu sehen zeigt das Ergebnis der Umfrag, dass das „flipped-classroom System” von einer Mehrheit von 53% der 50 Befragten gleichwertig anderen Systemen gegenüber betrachtet wird. 12% erleben es als hilfreiches System und 35% fiel es wie der interviewten Studentin schwerer, so den Stoff zu lernen.
Frage an die Pressestelle der Leuphana:
Das Flipped-Classroom-System, was im Leuphana-Semester einen nicht unwesentlichen Teil der Lehre einnimmt, löst immer wieder Diskussionen unter Studenten aus. Welchen Ansatz wollen Sie mit diesem System verfolgen und sehen Sie darin nur Chancen oder gibt es auch selbstkritische Punkte, die Sie anbringen würden?
Die Antwort war:
Das Ziel des Flipped Classroom ist es, Studierende zu aktiver und eigenverantwortlicher Auseinandersetzung mit dem Lernstoff zu motivieren. Dadurch entstehen tiefere Lernprozesse und ein besseres Verständnis der Lehrinhalte. Zudem soll Studierenden damit ermöglicht werden, ihr eigenes Lerntempo zu finden. Dieses Lehrformat erfordert allerdings von Studierenden wie von Lehrenden einen höheren Grad an Selbstverantwortung als es zum Beispiel bei „Frontunterricht“ der Fall wäre. Gerade dadurch kann aber ein bewusster Umgang mit wissenschaftlichem Arbeiten, Argumentieren und kritischem Denken gefördert und wissenschaftliche Praktiken können geübt werden. Jedes Lehrformat bietet seine Besonderheiten und in den unterschiedlichen Lehransätzen spiegelt sich grundsätzlich die Freiheit der Lehre wieder, die an einer Universität von grundlegender Bedeutung ist. Gleichzeitig bedeutet es für Studierende aber eine Chance, verschiedene didaktische Herangehensweisen kennenzulernen. Rückmeldungen zu den Herausforderungen nehmen wir gerne auf und sie helfen zur Fortentwicklung der Konzeption und der Vorlesungsinhalte im Leuphana Semester, aber auch darüber hinaus.
Bei der Frage über die Vielfältigkeit der Leuphana-Semester-Module gehen in der Umfrage die Meinungen auseinander. 40% begrüßen die Auswahl und empfinden die Inhalte als neu und hilfreich, während 54% der Befragten die Auswahl kritisieren, unter anderem weil die Inhalte im weiteren Verlauf des Studiums oft keine große Rolle mehr spielen würden. 6% der Befragten empfanden die Vielfältigkeit oder Inhalte als nicht so wichtig.
Die Frage an die Pressestelle der Uni:
Ein immer wieder aufkommender Diskussionspunkt ist die Vielfältigkeit der Module im Leuphana-Semester, eine KuWi-Studentin wie ich musste dort weit aus dem eigentlichen Studienbereich heraus arbeiten, beispielsweise beim Programmieren in DataX. Neben der positiven Aspekte dieser Vielfalt, die Sie auch gerne anbringen können, verstehen Sie die Kritik der Studenten bezüglich dieses Punktes und nutzen Sie diese Kritik für mögliche zukünftige Ansätze?
Die Antwort:
Um beim genannten Beispiel zu bleiben: Ja, keine Einwände – Programmieren kann zunächst ein bisschen fremd, möglicherweise fordernd sein. Aber es zahlt sich aus. Egal, in welchem Bereich man später arbeiten möchte: Nirgends wird man sein ganzes Arbeitsleben bei demselben Thema verbringen; dazu ist die Gesellschaft einfach viel zu agil und unbeständig. Für viele Studierende ist das Studienmodell der Leuphana ein wichtiger Grund nach Lüneburg zu kommen, um genau diesen breiten Zugang in der Studieneingangsphase zu erleben. Dahinter steht eine wichtige Einsicht: die Kompetenz, sich in Neues und Fremdes hineinarbeiten zu können, ist eine Schlüsselfähigkeit, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Zu Kritik lädt die Uni indes stets ein: Studierende mit konkreten Vorschlägen oder Beobachtungen können sich immer an die Modulverantwortlichen wenden, sich durch Fachschaftsarbeit einbringen oder ihren Input in Evaluationen teilen. Begleitangebote, Einstiegsformate und die didaktische Ausgestaltung einzelner Module dienen der Unterstützung der Studierenden die Herausforderungen zu bewältigen und an ihnen zu wachsen.
Das dritte Interview fand am 24.01.2026 statt.
Der Student berichtet ebenfalls von Verwirrung am Anfang des Leuphana-Semesters. Es sei chaotisch gewesen. Er habe erwartet, mehr mit dem Major zu tun zu haben als es nun der Fall war, die Menschen aus dem Major häufiger zu sehen. Das Leuphana-Semester sei „aufgehyped“ worden.
Sehr früh, in der Erstiwoche, habe man gesehen, dass es Kommunikationsprobleme zwischen Uni, Studenten und Tutoren gegeben habe. Und beispielsweise im Transformationsmodul, so sagt der Student, hätte ein Tutor mehrere Fragen zum Modul gar nicht beantworten können.
Bezüglich des „flipped-classroom-Systems“ sieht er mehrere Kritikpunkte. Es sei nichts für „vergessliche Leute“. Wenn man mal für einen Zeitraum krank wäre, wäre es leicht den Anschluss zu verlieren. Während der Vorlesung sei nur über gestellte Fragen geredet worden, man habe jedes Mal den Kontext zum Inhalt als Voraussetzung gebraucht, um dann etwas zu verstehen.
Die Fragen und Antworten aus der Vorlesung würden nicht im Anschluss hochgeladen werden, das sei ungünstig, falls man mal krank sei oder sich verspäte. Hier, so sagt er, ist man über Austausch mit Kommilitonen dann an den verpassten Stoff gekommen.
Der Student ist Pendler. Ein Wunsch seinerseits wäre, dass allgemein öfter Zoom-Calls parallel zu den in der Uni stattfindenden Seminaren und Vorlesungen angeboten werden würden. So könne man teilnehmen, auch wenn man nicht die Möglichkeit hätte, an dem Tag vor Ort zu sein.
Er habe betreffend der Klausur, bei der man keine digitalen Mittel mehr verwenden darf, die Möglichkeit erfreulich gefunden, im Vergleich zum Abitur überhaupt Notizen mitnehmen zu können. Es sei für ihn aber schwierig, sich in Sachen Klausur für alle Informationen auf Moodle, mystudy und mycampus zurechtzufinden.
Beim Modul DataX erinnere er sich an Verwirrung bezüglich KI-Nutzung. Da die Benutzung so ausdrücklich erwünscht gewesen sei, habe es für Verwirrung gesorgt, ob man die KI überhaupt weglassen dürfe.
Wenn es um Feedback an die Uni geht, habe er Unterschiede in den Evaluationen bei Seminaren und Vorlesungen wahrgenommen. Es bestehe die Möglichkeit, dass Studierende beim Feedback an die großen Vorlesungen im Leuphana-Semester „trollen“, da das Verfahren anonym ist. Person-zu-Person-Feedback hält er für die beste und effektivste Art der Rückmeldung.
In seinem Fazit zum Leuphana-Semester führt der Student an, dass ihm genauere Anweisungen, „step-by-step“, im generellen geholfen hätten. Mehr direkte Auseinandersetzung mit den Erstsemester-Studierenden. Die Idee des Leuphana-Semesters, sich einzufinden, sei gut, aber in der Umsetzung hapere es.
DataX, so sagt er, hätte beispielsweise nichts mit seinem Major zu tun. Wenn man so ein Modul anbiete, solle man es optional machen. Er wünsche sich mehr Handlungsfreiheit beim Thema wie fachübergreifend man sein Leuphana-Semester gestalten möchte.
Das Fazit?
Alles in einem fallen die Meinungen erwartbar gemischt aus. Die Pressestelle der Universität beschreibt das Leuphana-Semester als einen “Lernprozess”, während einige Studierende vor allem zu Anfang Schwierigkeiten zu haben schienen, sich zurecht zu finden. Das Potential des Konzeptes ist deutlich spürbar, gleichzeitig stach in den Interviews und in der Umfrage ein Wunsch der Studierenden nach mehr Entscheidungsmöglichkeiten innerhalb der Module hervor. Es scheint lohnenswert, die Entwicklung des Semesters weiterhin zu verfolgen.
Foto: Kian Pinkert
Umfrage von lamapoll (Wegen Abo-Richtlinien der App konnten leider nur die Ergebnisse der ersten 50 Teilnehmenden ausgewertet werden).
