Feuer Wohnheim Wichernstraße - Schäden Innen - (c) Christopher Bohlens

Brand im Studierendenwohnheim: Feuer in der Wichernstraße

Brand in der Wichernstraße: Wie ein Lüneburger Studentenwohnheim in der Nacht zur Falle wurde. In der Nacht zum 7. Mai brennt es im Treppenhaus eines Studentenwohnheims im Lüneburger Westen. Die Polizei geht von vorsätzlicher Brandstiftung aus. Eine Augenzeugin schildert eine Mischung aus Glück und Versäumnissen: monatelang piepende Rauchmelder, eine Feuerwehr, die den Eingang nicht findet – und eine Brandschutztür, die offenbar alles gerettet hat.

Es ist 03:15 Uhr in der Nacht zum Mittwoch, dem 7. Mai, als eine Bewohnerin von ihrer Mitbewohnerin geweckt wird. Die hat einen leichten Schlaf – und sieht durch ihr Schlafzimmerfenster einen flackernden, orangefarbenen Schein. Vor dem Haus brennt etwas. Wenig später ist klar: Es brennt nicht vor dem Haus. Es brennt im Haus. Direkt hinter der Eingangstür im Treppenhaus reichen die Flammen bis zur Decke. Der Hausflur füllt sich mit schwarzem Rauch. Sie rufen gegen 03:22 Uhr die Feuerwehr.

Die Bewohnerin, die ihren Namen nicht in der Univativ lesen möchte, wohnt in einem von Campus Wohnen betriebenen Studentenwohnheim in der Wichernstraße – einem Komplex am Ende eines schmalen Stichwegs, mitten im Wald, am Rand der Stadt. Genauer: in Eingang D. Den finden, wie sich in dieser Nacht zeigen sollte, selbst die Einsatzkräfte zunächst nicht.

Die Polizei Lüneburg meldete am Tag des Einsatzes: Anwohner hätten gegen 03:45 Uhr ein Feuer im Hausflur eines Mehrparteienhauses bemerkt. „Aus bislang unbekannten Gründen“ hätten ein Teppich und ein Sessel im Treppenhaus zu brennen begonnen. Mehr als 20 Einsatzkräfte der Feuerwehr seien im Löscheinsatz gewesen, der Sachschaden liege bei mehreren hundert Euro, die Ermittlungen dauerten an. Was die Pressemitteilung nicht erwähnt: Betroffen ist ein Studentenwohnheim.

Was im Hausflur stand – und warum

Direkt rechts hinter der Eingangstür von Eingang D, in einer kleinen Nische neben einem seit Jahrzehnten stillgelegten Lift, stand seit Jahren ein Sessel. Wem er gehörte, ist auch jetzt nicht abschließend geklärt. „Der war schon immer da“, sagt die Bewohnerin – wahrscheinlich von Campus Wohnen aufgestellt oder von einer früheren Bewohnerin vergessen.

In der Nacht zum 7. Mai brannte dieser Sessel. Daneben das Hollandrad der Bewohnerin, das sie an diesem Abend ausnahmsweise einmal mit nach drinnen genommen hatte. Es war nass, sie war erst gegen 22:30 Uhr nach Hause gekommen, das Rad sollte über Nacht trocknen. „Das hatte ich davor noch nie reingestellt“, sagt sie. Im Fahrradkorb lag ein Handtuch.

Am Brandort fanden die Ermittler:innen Toilettenpapierrollen – nach Augenzeugenberichten mutmaßlich Zündmittel.

Rauchmelder: Wochenlanger Dauerton, dann Ernstfall

Der heikelste Punkt dieser Nacht steht und fällt mit den Rauchmeldern im Hausflur. Was passiert, wenn ein Melder über Monate immer wieder grundlos Alarm schlägt? Bewohner:innen gewöhnen sich daran. Genau das beschreibt die Bewohnerin.

Drei bis vier Monate lang hätten die Rauchmelder im Treppenhaus immer wieder ohne erkennbaren Anlass gepiept. Sie habe den Vermieter Campus Wohnen mehrfach darauf hingewiesen. Die Antwort sei sinngemäß gewesen, die Geräte seien gerade gewartet worden, alles sei in Ordnung. Erst in der Woche vor dem Brand habe es eine erneute Wartung gegeben.

In der Brandnacht hatte das gleich zwei Konsequenzen: Erstens hätten die Bewohner:innen das Piepen ohnehin als „normales Geräusch“ wahrgenommen. Zweitens, so die Bewohnerin, seien die Melder durch die geschlossene Brandschutztür hindurch zu leise gewesen, um in den Wohnungen tatsächlich aufzuwecken. Diese Einschätzung habe Campus Wohnen ihr gegenüber sinngemäß bestätigt.

Wach geworden seien die Bewohnerinnen am Ende nur durch den Lichtschein der Flammen vor dem Fenster. Die Mitbewohner:innen ein Stockwerk höher hätten den Brand verschlafen. Sie öffneten erst gegen vier Uhr – da war die Feuerwehr bereits wieder abgerückt.

Feuer Wohnheim Wichernstraße - Feuerschein Raum - (c) Jennifer Hartmann
Feuer Wohnheim Wichernstraße – Feuerschein Raum – (c) Christopher Bohlens

Wenn die Feuerwehr den Eingang nicht findet

Eingang D liegt schwer auffindbar mitten im Wald, am Ende eines schmalen Stichwegs, der zusätzlich durch einen versenkbaren Pfeiler gesichert ist. Den Pfeiler habe Campus Wohnen vor einiger Zeit eingebaut – ausgerechnet aus Brandschutzgründen, damit Anwohner:innen die Zufahrt nicht zuparken.

In der Brandnacht, schildert die Bewohnerin, sei die Feuerwehr zunächst zu Eingang B des Komplexes ausgerückt – am falschen Ende des Geländes. Auch die Polizei habe zweimal angerufen, weil Einsatzkräfte den Eingang nicht finden konnten. Bis das Löschfahrzeug schließlich vor Ort war, sei wertvolle Zeit verloren gegangen – auch deshalb, weil der Pfeiler erst mit einem Dreikantschlüssel entfernt werden musste.

Die Hilfsfrist in Niedersachsen liegt bei rund acht Minuten (erste Löschgruppe – weitere Kräfte bis 13 Minuten) bis zum Eintreffen des ersten Löschfahrzeugs. Wie lange der Anfahrtsweg in dieser Nacht tatsächlich gedauert hat und ob diese Frist eingehalten wurde, ist Sache der weiteren Aufklärung.

Ein gut sichtbares Übersichtsschild an der Zufahrt zum Komplex, das Rettungskräften zeigt, welcher Eingang sich wo befindet, gibt es laut der Bewohnerin nicht.

Die Brandschutztür: Das, was funktioniert hat

Was an diesem Abend nach Einschätzung der Bewohnerinnen den Unterschied zwischen Sachschaden und Personenschaden gemacht hat, ist die Brandschutztür zwischen Treppenhaus und Wohnung. Sie hielt. „Wir hätten so oder so nicht rausgekonnt“, sagt die Bewohnerin – durch das verqualmte Treppenhaus war der einzige reguläre Fluchtweg in dieser Nacht versperrt. Auch die Tür im Untergeschoss, theoretisch ein zweiter Fluchtweg, sei abgeschlossen, der Schlüssel ausschließlich bei Campus Wohnen.

Die Wohnung selbst ist heute weiter bewohnbar. Es riecht nach Rauch, der Hausflur ist bis zur Decke geschwärzt, das Glas der Brandschutztür ebenfalls. Aber die Räume dahinter sind unversehrt.

Brandstiftung – und der Lüneburger Kontext

Lüneburg hat in den vergangenen Wochen mehrere Schlagzeilen rund um Brandstiftungen gemacht. Anfang April brannten in der Weststadt im Bereich Mönchsgarten innerhalb kurzer Zeit ein Pkw, zwei Carports und eine Hausfassade. Die Polizei nahm einen 35-Jährigen vorläufig fest, die Schadenssumme wurde auf über 500.000 Euro geschätzt. Bereits in der Nacht zum 12. April folgten zwei weitere Brände in derselben Gegend.

Ob und wie diese Vorfälle in einem Zusammenhang mit dem Geschehen in der Wichernstraße stehen, ist offen – die Polizei hat sich dazu bislang nicht öffentlich geäußert.

Die Bewohnerin fasst den Verdacht nüchtern zusammen: Das Wohnheim liege im Wald, der Eingang sei „eigentlich unmöglich zu finden“. Wer den Brand gelegt habe, müsse das Gebäude und seine Eigenheiten gekannt haben.

Auf Anfrage der Univativ bestätigt die Polizei Lüneburg, dass aktuell wegen vorsätzlicher Brandstiftung nach §306 StGB ermittelt wird. Zeugen werden sich gebeten, zu möglichen Beobachtungen zu verdächtigen Personen zu melden. Hinweise nimmt die Polizei Lüneburg unter 04131 / 607-2215 entgegen.

Was Studierende aus dieser Nacht mitnehmen sollten

Drei Punkte, die nicht nur für Bewohner:innen in der Wichernstraße relevant sind:

Erstens: Hausratversicherung. Über eine Hausratversicherung sind unter anderem das verbrannte Fahrrad und Folgeschäden an Eigentum abgesichert. „Aber welche Studis haben das schon?“, fragt sie sich. Der Anteil dürfte tatsächlich gering sein – mit teils harten finanziellen Folgen, wenn etwas passiert. Eine einfache Hausratversicherung kostet als WG-Variante oft im einstelligen Eurobereich pro Monat.

Zweitens: Rauchmelder ernst nehmen. Wenn Melder über Wochen Fehlalarme produzieren, ist das nicht lästig, sondern gefährlich – es trainiert Bewohner:innen, sie zu ignorieren. In Niedersachsen sind funktionierende Rauchmelder Pflicht und Sache der Eigentümer:innen. Wer wiederholt Fehlalarme hat: schriftlich Frist setzen, im Zweifel Mietminderung prüfen, Mängelmeldung dokumentieren.

Drittens: Fluchtwege im Kopf haben. Auch ohne selbst Eigentümer:in zu sein, lohnt es sich zu wissen: Wo ist der zweite Weg raus? Welche Tür ist verschlossen, welche nicht? Wer hat den Schlüssel, wenn das Treppenhaus voller Rauch ist?

Im Hausflur in der Wichernstraße steht zur Stunde noch der schwarze Rußbelag bis zur Decke. Die Reinigung soll laut Bewohnerin erfolgen, sobald der Brandsachverständige den Tatort freigegeben hat.


Foto: Feuer Wohnheim Wichernstraße – Schäden Innen – (c) Christopher Bohlens

Mit Material der Polizei Lüneburg sowie eines Augenzeugenberichts.

Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

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