Erinnerungen vor Gebäude 9 auf dem Campus - Christopher Bohlens - Aus Datenschutzgründen verpixelt.

Anderthalb Jahre, kein Prozess: Warum der Fall Marlene P. ins Stocken geraten ist

In Istanbul hat vor kurzem der Prozess gegen Verantwortliche im Tod einer Hamburger Familie begonnen. Der Fall erinnert schmerzhaft an Marlene P. – die Lüneburger Studentin, die unter fast gleichen Umständen starb. Doch während dort die Justiz handelt, warten ihre Eltern bis heute auf eine Anklage.

Es war ein Dienstagmorgen in Istanbul, als sechs Angeklagte auf der Anklagebank Platz nahmen – der Betreiber eines Hotels, der Chef einer Schädlingsbekämpfungsfirma und sein Angestellter unter ihnen. Die Anklage: bewusste Fahrlässigkeit mit Todesfolge. Opfer: eine vierköpfige Familie aus Hamburg, die im November 2025 im Urlaub ums Leben kam. Das tödliche Gas Phosphin hatte sich aus einem Insektizid gebildet, das in einem Zimmer unterhalb der Unterkunft der Familie eingesetzt worden war. Der Prozess hat begonnen.

Für Göran P., den Vater von Marlene, muss diese Nachricht wie ein Schlag ins Gesicht gewirkt haben. Denn seine Tochter starb unter fast identischen Umständen – mehr als ein halbes Jahr früher. Und bis heute gibt es weder eine Anklage noch einen Gerichtstermin.

Was bisher geschah

Marlene P. war im Herbst 2024 für ein Auslandssemester an der Leuphana Universität Lüneburg nach Istanbul gereist. An einem Samstagmorgen wurde ihr plötzlich übel, sie klagte über starke Schmerzen. Weniger als 48 Stunden später starb sie im Krankenhaus. Sie war 21 Jahre alt.

In der Wohnung unterhalb ihrer WG waren zuvor Bettwanzen mit Insektiziden bekämpft worden. Ein Gutachten, über das der NDR berichtete, kam zu dem Schluss: Giftige Dämpfe stiegen in Marlenes Wohnung auf und waren für ihren Tod verantwortlich. Als Wirkstoff gilt Aluminiumphosphid – dasselbe Gift, das mutmaßlich auch die Hamburger Familie Böcek das Leben kostete, wenn es in Kontakt mit Feuchtigkeit kommt und das tödliche Gas Phosphin freisetzt. Univativ hatte im November 2025 ausführlich über den Fall berichtet.

Drei Gutachten, kein Ergebnis

Das, was seither passiert ist, lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: drei. Drei verschiedene Gutachten wurden in Marlenes Fall bisher in Auftrag gegeben. Und doch gibt es noch immer niemanden auf einer Anklagebank.

Marlenes Eltern, Astrid und Göran P., beklagen gegenüber dem NDR, dass die Ermittlungen durch immer neue Gutachten und sogenannte „Extraschleifen“ verzögert würden. Verdächtige seien zwar befragt worden, festgenommen aber wurde bis heute niemand. „100 Prozent ungerecht“, sagte Göran P. dem NDR Niedersachsen – und meinte damit den Vergleich mit der Familie Böcek, bei der die Justiz deutlich schneller vorging.

Der Unterschied liegt laut Hakan Hakeri, dem Anwalt von Marlenes Eltern, vor allem in einem Faktor: medialem Druck. Im Fall der Hamburger Familie sei das öffentliche Interesse in der Türkei von Anfang an enorm gewesen. Das habe die Ermittlungen beschleunigt. Im Fall Marlene fehle genau das – trotz gleicher Sachlage, trotz gleicher Todesursache.

Zwei Väter, zwei Schicksale – eine gemeinsame Forderung

Was in den vergangenen Monaten vielleicht niemand erwartet hatte: Göran P. und Yilmaz Böcek, der Vater des getöteten Sohns der Hamburger Familie, haben zueinandergefunden. Zwei Männer, die sich vor wenigen Monaten noch nicht kannten, verbindet heute das schwerste denkbare Schicksal.

„Wir leben, aber wir leben leer“, sagt Yilmaz Böcek. Göran P. legt ihm die Hand auf die Schulter. Und sagt: „Zusammen ist man stärker. Man kann sich auch dabei unterstützen, dass Ermittlungen schneller vorangetrieben und die möglichen Täter zur Rechenschaft gezogen werden können.“

Böcek ist noch immer fassungslos darüber, dass ein so gefährlicher Stoff wie Aluminiumphosphid in Hotels und Wohngebäuden eingesetzt wird – ohne Menschen im Umfeld zu warnen oder zu schützen. Beim Prozessauftakt in Istanbul will er den Beschuldigten in die Augen schauen. Dass sie möglicherweise mit wenigen Jahren Haft davonkommen könnten, akzeptiert er nicht. „Das ist lächerlich. Sie haben mir zwei Generationen genommen“, sagt er. Zwei oder drei Jahre Haft? „Das ist gar nichts.“

Böcek hat angekündigt, Göran P. und seine Familie auch dann weiter zu unterstützen, wenn das Verfahren im Fall seiner eigenen Familie längst abgeschlossen sein wird. Ihr gemeinsames Ziel: alle Verantwortlichen verurteilt sehen – und verhindern, dass sich solche Tragödien wiederholen. „Wir wollen nicht, dass andere Familien erleiden müssen, was wir erleiden mussten“, sagt er.

Ein Anwalt nutzt den Moment

Hakan Hakeri, der Anwalt von Marlenes Eltern, hat beim Prozessauftakt im Fall Böcek in Istanbul eine ungewöhnliche Strategie gewählt: Er reiste an – nicht als Verfahrensbeteiligter, sondern als Lobbyist in eigener Sache. Er sprach mit anwesenden Journalist*innen, suchte das Gespräch mit türkischen Medien und machte auf den Fall seiner Mandantin aufmerksam.

Dass die Ermittlungen im Fall Böcek deutlich schneller liefen, liege laut Hakeri vor allem an einem Faktor: medialem Druck. Im Fall Marlene fehle genau das – trotz gleicher Sachlage, trotz gleicher Todesursache. Aufmerksamkeit als Ermittlungsbeschleuniger – ein bitteres Eingeständnis über den Zustand internationaler Strafverfolgung.

Was der Vergleich mit der Familie Böcek zeigt

Dass der Prozess in Istanbul nun läuft, während Marlenes Fall weiter ruht, ist kein Zufall – und kein Einzelfall. Offensichtlich gibt es ein strukturelles Problem mit dem Einsatz gefährlicher Insektizide in Wohngebäuden und Hotels in der Türkei – und mit der Strafverfolgung, wenn etwas schiefläuft.

Im Fall der Familie Böcek stellte sich heraus: Weder der Chef der Schädlingsbekämpfungsfirma noch sein Mitarbeiter hatten überhaupt eine Lizenz für den Umgang mit dem eingesetzten Gift. Im Fall Marlene dürfte die Ausgangslage ähnlich sein.

Der Anwalt der Familie P. hatte bereits im vergangenen Jahr geäußert, dass eine frühere Aufklärung im Fall Marlene womöglich weitere Todesfälle hätte verhindern können. Ein Gedanke, der schwer wiegt.

Für Marlenes Kommiliton*innen an der Leuphana

Für viele Studierende an der Leuphana ist Marlenes Tod bis heute schwer fassbar. Wer in einem Auslandssemester ist, wohnt oft in privat organisierten WGs, in Gebäuden, über die man wenig weiß – auch nicht, was gerade im Stockwerk darunter mit Chemikalien passiert. Dass ein solcher Alltag tödlich enden kann, hat der Fall Marlene gezeigt.

Was die Situation ihrer Eltern zeigt, ist noch etwas anderes: Gerechtigkeit hängt auch davon ab, ob ein Fall die richtigen Menschen zur richtigen Zeit interessiert. Göran P. beschreibt seinen Antrieb schlicht: „Uns bleiben die Erinnerungen, für die wir auch sehr dankbar sind – und unsere Liebe bleibt auf ewig. Aber letzten Endes geht es darum, in Marlenes Sinne für Gerechtigkeit zu sorgen. Das ist der absolute Antrieb.“


Mit Material vom NDR und SPIEGEL.

Foto: Erinnerungen vor Gebäude 9 auf dem Campus – Christopher Bohlens – Bild aus November 2024 – Aus Datenschutzgründen verpixelt.

Christopher Bohlens

Schreibt immer irgendwas über Hochschule, Politik oder Veranstaltungen, wo es so richtig kracht. Liebt investigativen Journalismus und beschäftigt sich viel mit Daten.

Alle Beiträge ansehen von Christopher Bohlens →