Alltagsmenschen: Dagmar Knorr – Ersthelferin bei Schreibblockaden

Unistress und keine Zeit für leere Seiten. Dagmar Knorr (61) hilft Studierenden, gute Texte abzugeben – auch ohne Künstliche Intelligenz.

Dagmar Knorr ist habilitierte Sprachwissenschaftlerin und leitet das Schreibzentrum / Writing Center (SWC) an der Leuphana. Nebenbei ist sie in zahlreichen Organisationen rund ums Schreiben aktiv und widmet einen Großteil ihres Lebens der Sprache und dem wissenschaftlichen Schreiben. Im SWC unterstützt sie Studierende beim Texteschreiben – auch in emotionaler Hinsicht. Im Interview erzählt sie, wo sie in der Arbeit mit Studierenden an ihre Grenzen stößt und wie sie ihre eigenen Schreibblockaden samt aufgestauter Aggressionen wieder loswird.


Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass Sprache und Schreiben dich faszinieren und was fasziniert dich heute daran noch so?

Als Jugendliche wollte ich gerne Schriftstellerin werden, habe aber gedacht, dass ich damit nicht unbedingt Geld verdienen kann. Deshalb wollte ich etwas machen, das mit Sprache, Schreiben und Literatur zu tun hat, und habe Germanistik mit dem Schwerpunkt Literaturwissenschaft studiert. Weil ich in keinem Fall in den Schuldienst wollte, habe ich nicht Lehramt, sondern auf Magister studiert. Um etwas Praktisches dazuzumachen, habe ich zusätzlich Geografie studiert. Das war Ende der 80er Jahre, als Ökojournalismus ein Thema war und ich dachte, das könnte etwas für mich sein. Im Laufe des Studiums habe ich aber gemerkt, dass das nicht mein Weg ist, und habe kurz vor Schluss zur Philosophie gewechselt. Literatur, Wissenschaft und Sprache waren immer das, was ich machen wollte. Im Studium hat man mir die Literatur allerdings ziemlich ausgetrieben. In Seminaren habe ich gemerkt, dass dort eine Sprache gesprochen wurde, die ich zunächst nicht verstanden habe. Ab dem zweiten, dritten Semester habe ich dann verstanden, dass das alles Lufthülsen sind, die ich aufpieken kann. Da wurde mir klar, dass ich das nicht machen will. In dieser Zeit habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der Informatik studiert hat. Er hat mich auf das sprachwissenschaftliche Angebot der Informatik aufmerksam gemacht und ich habe gemerkt, dass mir das viel mehr liegt. In meinem Hilfsjob für einen Professor musste ich ein Gedicht in einer Datenbank verschlagworten, und kam zu einem ziemlich anderen Ergebnis als er. Dort habe ich auch zum ersten Mal verstanden, dass Schreiben etwas mit Wissen zu tun hat. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Ich kann nur das aufschreiben, was ich auch selber weiß. Und anscheinend machen Leute das unterschiedlich. Fragen wie: Wie arbeitet man mit Fachliteratur? Wie findet man die richtigen Begriffe? Wie sucht man etwas, wenn man gar nicht weiß, wonach man sucht? – das fand ich spannend.

Du warst an der Uni Hamburg, bevor du an die Leuphana gekommen bist. Was unterscheidet die Schreibkultur an verschiedenen Universitäten?

So viele Vergleichserfahrungen habe ich gar nicht. An der Universität Hamburg habe ich an der Fakultät für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt für Studierende mit Migrationshintergrund gearbeitet. Wir haben hier viele Internationals (internationale Studierende; Anm. d. Red.). Ingesamt war die Studierendenschaft sprachlich bunter als an der Leuphana, zumindest war das mein Eindruck. Dadurch ergeben sich unterschiedliche Schwerpunkte in der Arbeit. Gleichzeitig sehe ich insgesamt eine gewisse Angleichung im Schreiben, auch wenn fachspezifische Unterschiede natürlich bestehen bleiben.

Gibt es etwas, was an der Leuphana besonders gut funktioniert oder Herausforderungen im Vergleich zu vorher?

Ja, ein großer Vorteil der Leuphana ist ihre Größe. Sie ist klein und überschaubar, und man kann gut miteinander in Kontakt kommen. Das war an der Universität Hamburg mit über 45.000 Studierenden ganz anders. Und in Hamburg war ich Teil eines Projekts. Das Projekt habe ich zwar geleitet, aber das war quasi so ein kleines Rädchen innerhalb der Fakultät. Hier arbeite ich in einer zentralen Einrichtung und bin viel stärker in die Gesamtuniversität eingebunden und vernetzt. In Hamburg habe ich wesentlich lokaler gearbeitet. Eine Herausforderung an der Leuphana ist die Finanzierung über Studienqualitätsmittel, weil sie bestimmte Rahmenbedingungen vorgibt. Das schränkt uns an manchen Stellen ein, hat aber auch Vorteile: Wir müssen zum Beispiel nicht prüfen oder bewerten und können dadurch mit Studierenden in einem geschützten Raum an ihren Kompetenzen arbeiten. Und wenn ich jetzt „wir“ sage, dann meine ich mein Team. Dass ich nicht alleine, sondern in einem Team arbeiten kann, ist ein weiterer großer Vorteil. Im Vergleich zu anderen Schreibzentren ist die Leuphana tatsächlich sehr gut aufgestellt. Viele Schreibzentren in Deutschland wurden und werden nur projektfinanziert, was eine kontinuierliche Arbeit erschwert oder gar unmöglich macht. Hier hingegen wurde das SWC dauerhaft mit festen Stellen verankert. Das ist toll.

Mit welchen Problemen kommen Studierende am häufigsten zu dir?

Besonders Studierende im ersten oder zweiten Semester sind oft unsicher bei Formalia, zum Beispiel beim Zitieren. Die Angst vorm Plagiieren ist groß. Zunehmend kommen auch Fragen zu Methoden, vor allem beim empirischen Arbeiten: Wie kommt man von den gesammelten Daten ins Schreiben? Ein weiterer großer Bereich ist das Schreiben in der Fremdsprache. Durch englischsprachige Studiengänge ist das deutlich mehr geworden. Auch Abschlussarbeiten spielen eine große Rolle: Wie finde ich ein Thema, wie konkretisiere ich es und wie organisiere ich den Schreibprozess? Interessanterweise haben wir relativ wenig Anfragen zu KI. Gerade bei Themen wie Kennzeichnung oder Umgang damit hätten wir mehr Fragen erwartet – sowohl von Studierenden als auch Lehrenden.  Das ist ein Feld, was einerseits, glaube ich, für viele Studierende in der praktischen Arbeit ein Thema ist, was aber wenig bis gar nicht thematisiert wird.

Wie blickst du auf die Veränderungen, die das für wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben mit sich bringt?

Gute werden besser, schlechte werden schlechter. Wir brauchen eine sehr hohe Kompetenz im Umgang damit. Vor allem, was kritische Reflexion und sprachliche Fähigkeiten angeht. Was wir beobachten und was auch Studien zeigen, ist: Wer verantwortungsvoll und kritisch mit KI umgeht, kommt mit KI zu sehr guten Ergebnissen. Diejenigen, die sich selbst als eher schwache Schreibende bezeichnen, übernehmen eher die ausgegebenen Ergebnisse, ohne sie kritisch zu reflektieren. Das ist ein Problem. Solange Lehrende den KI-Gebrauch nicht aktiv in ihren Seminaren thematisieren, bleibt ein großer Graubereich. Viele Studierende sind unsicher und nutzen KI eher verdeckt, statt offen damit umzugehen. Diese Transparenz fehlt mir in vielen Bereichen noch.

Und wie gehst du selbst mit Schreibblockaden oder schwierigen Texten um?

Ich verfüge inzwischen über ein gewisses Methodenrepertoire, das ich einsetzen kann. Wir arbeiten ja gerne mit den Schreibtypen. Ich bin von Hause aus eine Zehnkämpferin in Kombination mit einem Eichhörnchen. Ich weiß, dass Texte bei mir erst mal wuchern, wenn sie schwierig sind. Irgendwann stelle ich mir dann die Frage: Der Text ist jetzt gewuchert – was braucht er eigentlich? Nicht: Was brauche ich, sondern: Was braucht der Text? Dann schlüpfe ich in die Rolle einer Architektin. Das fällt mir extrem schwer. Ich stelle mir eine Uhr, mein Tee muss bereitstehen, und meine Familie muss wissen, dass sie mich nicht ansprechen darf. Dann bekomme ich große Fluchtreflexe und muss mir selbst sagen: Ich nagle mich jetzt hier auf meinem Stuhl fest und stehe nicht auf, bis das fertig ist. Inzwischen kann ich das. Danach muss ich mich aber erst einmal abreagieren. Wir haben zum Glück ein wildes Grundstück, auf dem es immer etwas zu schneiden oder zu hacken gibt. Diese aufgestaute Aggression muss dann raus. Dann habe ich wieder einen Baum geschnitten oder mache Sport, um runterzukommen. Und dann ist es gut, weil ich weiß, dass es dem Text danach besser geht. Und damit geht es auch mir wieder besser.

Du hast sicherlich schon sehr viele Texte von Studierenden gelesen. Gab es einen Text oder Thema, das dich schon einmal besonders überrascht, fasziniert oder zum Schmunzeln gebracht hat?

Ich habe schon ganz tolle Texte gelesen, aber auch problematische. Ein Text, der mir als problematisch in Erinnerung geblieben ist, war von einer Lehramt-Studierenden in Hamburg. Sie hat in ihrem Text ein Familienkonzept und ein frauenfeindliches, archaisches Menschenbild transportiert, das so weit von meinen Konzepten entfernt war, dass ich sie mir als Lehrkraft meiner Kinder nicht vorstellen konnte. Das war ein Konflikt, bei dem ich tatsächlich auch den geschützten Raum der Schreibberatung durchbrochen und mit meiner Vorgesetzten über die Thematik gesprochen habe, weil ich damit nicht umgehen konnte. Dieser Fall hat für mich noch eine grundsätzliche Frage aufgeworfen: Wie geht eine Hochschule mit solchen Fällen um? Denn letztlich kann so eine Person ihr Studium erfolgreich abschließen, wenn die formalen Anforderungen erfüllt sind. Die Studierende wollte ja eigentlich nur Feedback zu ihrer Arbeit, und das habe ich ihr auf formaler Ebene auch geben. Denn ich bin nicht in einer Bewertungsposition gewesen. Allerdings habe ich mich auf wenige Aspekte beschränkt und lange nicht alles gesagt, was möglich gewesen wäre. Denn ich wollte nicht, dass dieser Text gut wird. Das ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Wie der Fall ausgegangen ist, weiß ich nicht. Hier hat die Trennung von Beratung und Bewertung funktioniert. Ein ganz anderes, sehr positives Beispiel war ein Student, mit dem ich über längere Zeit gearbeitet habe. Er wollte seine Masterarbeit schreiben, kam aber nicht ins Schreiben. Irgendwann wusste ich nicht mehr weiter und habe ihm gesagt, dass ich ihm nicht mehr helfen kann. Zwei Wochen später schrieb er mir, dass er jetzt wisse, warum er nicht schreiben könne: Sein Aufenthaltsstatus war eine Duldung für ein Studium. Das bedeutete, dass er nach dem Abschluss seines Studiums Deutschland verlassen müsste. Das war natürlich ein Grund, die Arbeit nicht zu schreiben. Einige Monate später meldete er sich wieder. Er hatte den Mut gefasst, seinen Abschluss zu machen. Sein Lohn war eine feste Anstellung und eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Darüber habe ich mich extrem gefreut.

Durch diese Geschichten habe ich auch gelernt: Schreiben ist nicht nur Schreiben. Ich versuche immer, den ganzen Menschen zu sehen und zu schauen in welchem Umfeld jemand arbeitet, wie jemand drauf ist. Das hat ganz extremen Einfluss auf das Schreiben. Denn Schreiben – so sage ich immer etwas salopp – frisst einen mit Haut und Haaren. Es ist keine Tätigkeit, die ich unabhängig von mir selbst machen kann. Ich bin keine ausgebildete Psychologin, aber ich versuche einen offenen Raum zu schaffen, um thematisieren zu können, was eigentlich los ist. Und manchmal liegen tatsächlich auch die Herausforderung gar nicht im Schreiben, sondern ganz woanders.

Wie viel deiner Arbeit ist eigentlich Textberatung – und wie viel ist psychologische Unterstützung?

Ein Großteil ist tatsächlich gutes Zureden und Bestärken: Du schaffst das. Zuhören, bestärken, weiterzumachen. Dazu gehört auch, sich selbst annehmen. Wir hören häufig von Studierenden: Das kann ich nicht, das muss ich, und hier wäre es doch viel besser … Wenn solche Gedanken kommen, kann man eigentlich nur fragen: Warum? Warum glaubst du, dass etwas anderes besser ist als das, was du machst? In diesem Punkt zeigt sich ein großer Beratungsbedarf. Diesen Zweifeln „Darf ich das überhaupt?“ begegne ich gern mit „Ja, das darfst du. Denn das bist du. Dein Weg ist der richtige.“ In diesen Punkten bestärken wir viel.

Sitzt du manchmal vor einem Text und denkst: „Wo fangen wir hier nur an?“

Ja, definitiv. Ich nenne das immer das Identifizieren der individuellen Herausforderungen. Das ist die größte Aufgabe, die man in der Schreibberatung hat. Die ist alles andere als trivial.

Welche Momente in deiner Arbeit machen dir am meisten Freude?

Wenn jemand nach erfolgreicher Abgabe zu mir kommt und sagt, die Beratung hat geholfen.

Und welche Aufgabe beginnst du eher mit einem inneren Seufzer?

Wenn ich das dritte Mal einen Text lese und denke, das es schon wieder nicht angekommen ist, was ich gesagt habe. Wir haben auch manchmal Studierende, bei denen ich nicht weiß, was ich mit denen noch tun soll. Und ich habe auch Personen wieder weggeschickt. Das betrifft aber nur eine kleine Gruppe. Denn wenn ich merke, dass jemand eigentlich überhaupt keinen Bock hat, sich mit dem Text auseinanderzusetzen und eigentlich möchten, dass wir den Text „schick“ machen, werde ich auch bockig. Das mache ich nicht. Aber wie gesagt, das ist sehr selten der Fall.

Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich in Bezug auf Schreiben heute mitgeben?

Nimm dich an, so wie du bist, und finde deinen eigenen Weg.


Nicht immer sichtbar, aber im Alltag unverzichtbar: In unserer Reihe „Alltagsmenschen“ stellen wir Personen vor, die die Leuphana im Hintergrund am Laufen halten.


Foto: Philipp Bachmann / Leuphana