Eine Vampirin, ein Werwolf und ein magiebegabter Cop werden durch ein magisches Ritual aneinandergebunden. Doch hinter dem übernatürlichen Liebesdreieck steckt mehr: Wie sieht queere Repräsentation aus, wenn sie nicht zum zentralen Konflikt gemacht wird?
Der Roman „Cage of the Moon“ von Noah Stoffers erschien am 14. Januar 2026 im Knaur TB Verlag. Es handelt sich um eine queere New-Adult-Romantasy, also einen Fantasyroman mit Liebesgeschichte, für junge Lesende zwischen 18 und ca. 30 Jahren. In der Erzählung verlieben sich eine Vampirin, ein Werwolf und ein Mensch mit magischen Fähigkeiten ineinander und sie müssen sich gegen den gefährlichen Anführer eines Rudels Werwölfe behaupten. Die Geschichte besticht besonders durch die Entwicklung der liebevollen, polyamoren Beziehung der Hauptcharaktere. Daher ist „Cage of the Moon“ für all jene zu empfehlen, die nach etwas Abwechslung zu den oft vorkommenden, toxischen Strukturen in Romantasy suchen oder einfach eine schöne, queere Liebesgeschichte lesen möchten.
„Honora löste eine Hand von Dan, streckte sie nach Gabhán aus. Er rutschte von der Kante, schlenderte mit dem Kaffee herüber, küsste erst Dan die Schulter und Honora auf den Mund, träge und zärtlich. »Ihr seid wunderschön.«
Dan sah auf, ein Flattern von Unsicherheit im Gepäck.
»Hätten wir… ich weiß auch nicht, auf dich warten sollen oder so?«
»Und das hier verpassen?« Gabhán küsste Dans andere Schulter. »Nicht nötig.« Er löste sich von ihnen, strich Dan wie zur Beruhigung über den Rücken. »Aber falls das hier … falls es länger dauert, sollten wir darüber reden. Was wir voneinander wollen und was nicht, wo unsere Wünsche beginnen und wo unsere Grenzen. Dan und ich sollten uns auch auf STIs testen lassen.«“
Die Fantasyelemente sind in diesem Roman eher Teil der Rahmenhandlung und unterstützen die Entwicklung der Figuren; der Fokus liegt auf der Liebesgeschichte. Die Protagonist:innen sind sehr unterschiedlich und haben alle ein eigenes Päckchen zu tragen: Vampirin Honora sucht seit Jahrzehnten den Mörder ihres Geliebten. Der einsame Werwolf Gabhán möchte eine junge Wölfin vor einem brutalen Rudel beschützen. Und Dan, ein Mensch mit magischen Kräften, will weitere Konflikte zwischen Menschen und übernatürlichen Wesen verhindern. Auf einem Festival nahe San Francisco geraten die drei in ein magisches Ritual, das ihre Seelen aneinander bindet. Das Ritual verstärkt die bereits vorhandene Anziehung zwischen ihnen und bringt sie dazu, sich emotional miteinander auseinanderzusetzen. Gleichzeitig führen auch die Fäden ihrer Vergangenheit schließlich bei dem Antagonisten Mallroy und seinem Rudel Werwölfe zusammen. Gemeinsam müssen sie sich ihm stellen, um ihren Frieden zu finden und zu erforschen, was die Gefühle, die sie füreinander hegen, für sie bedeuten.
Der Einstieg in die Geschichte kann zunächst etwas schwerfallen, weil zu Beginn nur wenige Informationen über Handlungsort, Rahmen und Charaktere gegeben werden. Dieser Effekt wird durch das Springen zwischen den drei Perspektiven verstärkt, da es das Ankommen in der Handlung erschwert. Doch nach einer kurzen Eingewöhnungsphase entfaltet die Geschichte ihren Reiz.
Besonders die Dynamik zwischen Honora, Gabhán und Dan macht diese Geschichte so interessant. Die Beziehung entwickelt sich langsam, die Charaktere haben Zeit, um sich kennenzulernen und gemeinsam zu wachsen. Dadurch wirkt die Geschichte so authentisch: Die drei sind nicht miteinander zusammen, weil das Band sie zusammenhält, sondern weil sie einander wählen. Vergleichstitel im Genre Romantasy nutzen oft äußere Umstände, um die Charaktere beieinanderzuhalten. In dem Roman Izara – Stille Wasser (2019, Julia Dippel) beschreibt die Protagonistin beispielsweise, wie sie sich nicht vorstellen kann, sich jemals wieder so glücklich und geborgen zu fühlen wie bei ihrem Love Interest, sollte sie ihn verlieren. Er wird hier als der Einzige für sie dargestellt, und das kann auch romantisch sein, ist es aber in vielen Fällen nicht, weil es die Protagonistin in einer Beziehung hält, die nicht gesund ist – als könnte sie ohne diesen bestimmten Mann nicht glücklich werden. Es wird sogar beschrieben, wie sie sich „ihre Gefühle nicht ausgesucht hat“ und daher keine Wahl hat, als mit ihrem Love Interest zusammen zu sein. Honora, Gabhán und Dan hingegen wissen, dass sie auch andere Optionen hätten, wenn es mit der Beziehung nicht funktionieren sollte, aber sie entscheiden sich bewusst füreinander und die Gefühle, die sie, auch ohne magisches Band, füreinander empfinden.
Zu keinem Zeitpunkt sind die Charaktere untereinander eifersüchtig, wie man es bei einem klassischen Love-Triangle erwarten würde, im Gegenteil. Es wird davon gesprochen, wie froh Honora ist, ihre beiden Männer glücklich miteinander zu sehen.
Den Umgang mit den sexuellen Orientierungen der Charaktere würde ich als gelungenes Beispiel für „casual queerness“ nennen. Dabei handelt es sich um eine beiläufige, alltägliche Darstellung queerer Charaktere und Lebensrealitäten. Beispielsweise geht es in anderen Geschichten häufig um „coming-outs“ oder Dramen, die durch die Problematik des Andersseins in einer Welt, in der Heterosexualität die Norm ist, ausgelöst werden. Bei „casual queerness“ hingegen sind queere Charaktere ein selbstverständlicher Teil der Geschichte und ihre Queerness ist nicht das Hauptaugenmerk der Handlung. Honora, Gabhán und Dan haben in ihrer Vergangenheit zwar bereits Ablehnungserfahrungen gemacht, im Rahmen der Geschichte können sie miteinander aber einfach sie selbst sein und offen miteinander kommunizieren.
„»Du bist nicht weniger queer, wenn du Frauen datest.« Er hauchte einen Kuss auf Dans Stirn. »Oder welches Label du auch immer bevorzugst.«
»Bisexuell, denke ich. Du?«
»Ich mag kein Label für mich, aber ich verliebe mich eher in Personen als in ein Geschlecht oder in Genitalien. Auch in mehr als eine Person zur Zeit.«“ (S. 284)
In diesem Zitat zeigt sich auch, wie beispielsweise schmerzhafte Stereotype aufgegriffen und entkräftet werden. Oftmals wird beispielsweise bisexuellen Menschen von Außenstehenden ihre queere Identität abgesprochen, wenn sie eine Beziehung führen, die auch als heterosexuell durchgehen könnte. Hier positioniert sich Cage of the Moon klar und bietet dadurch auch eine sichere Atmosphäre für die Lesenden.
Interessant ist außerdem der Umgang mit dem Soulbond-Trope – einem wiederkehrenden Erzählmuster, bei dem die Charaktere durch äußere Einflüsse, wie beispielsweise Magie, aneinandergekettet werden. Das magische Ritual, das Honora, Gabhán und Dan aneinander bindet, wirft Fragen nach freiem Willen auf. Die Charaktere möchten ihre Liebe füreinander erkunden und nehmen sie nicht schlicht als gegeben an, weil sie durch eine höhere Macht zueinander gebracht wurden. Das ist in einem Genre, in dem toxische Beziehungsstrukturen oft an der Tagesordnung sind, angenehm erfrischend. Im Gegenteil zeigt der Roman, dass mehrere Beziehungsmodelle möglich sind und die innige Verbindung zwischen Menschen nicht auf Sex, Romantik oder Liebe basieren muss:
„»[…] Wussten Sie zum Beispiel, dass die Autorin des Buches das Band selbst geknüpft hat? Zusammen mit ihrer Schwester […].«
»Ihrer Schwester?« Das konnte unmöglich wahr sein, oder? Also, so wie das Band wirkte? […] »Mir war nicht bewusst, dass man das Band innerhalb der Familie knüpfen kann.«
Amy schnalzte vorwurfsvoll mit der Zunge, so als hätte sie mehr von ihm erwartet. »Obwohl es meistens sexuell oder romantisch interpretiert wird, ist im Grunde jede innige Beziehung möglich. Das Band verstärkt nur, was bereits da ist.«“ (S. 314)
Es wird gezeigt, dass Zuneigung nicht romantischer oder sexueller Natur sein muss, sondern enge Verbindungen zwischen Menschen auch anders entstehen können, hier am Beispiel der Schwester. Es zeugt allerdings ebenfalls von einem Bewusstsein für Identitäten innerhalb des asexuellen Spektrums, das hier validiert wird, was ich auch sehr gelungen fand.
Auch das Thema Konsens wird gut umgesetzt. Das Fragen danach, ob eine der Personen mit den Handlungen der anderen einverstanden ist, wird hier zum Teil des Aktes und bricht nicht mit der Anziehung, die in dem Moment zwischen den Charakteren besteht. Im Gegenteil wird sie als Achtung der Figuren voreinander und als Zeichen der Liebe gezeigt:
„Honora legte den Kopf zurück, holte tief Luft, nur für das Gefühl, wie ihre Kehle sich unter seinen Lippen hob und senkte.
»In Ordnung?« Ein raues Murmeln an ihrer Haut und eine Hand auf dem Weg unter Hemd und Pullover.
»Sehr in Ordnung!«“ (S. 292)
„Cage of the Moon“ sticht durch all diese Aspekte im Genre Romantasy definitiv hervor. Noah Stoffers schafft es, eine nachvollziehbare Liebesgeschichte zu erzählen, die ohne Besitzansprüche, emotionale Abhängigkeiten oder Eifersucht auskommt. Stattdessen stehen Vertrauen, offene Kommunikation und gegenseitiger Respekt im Mittelpunkt. In Cage of the Moon findet sich eine warmherzige Romantasy für Zwischendurch, deren Ton an eine Rom-Com erinnert. Bekannte Tropes werden hinterfragt, um neue Perspektiven auf Liebe, Queerness und zwischenmenschliche Nähe zu eröffnen. Lesende, die genug von toxischen Beziehungsdynamiken im Romantasy-Genre haben, dürften in diesem Roman eine erfrischende Alternative finden.
