Die Leuphana bewirbt sich als Universität der kleinen Gruppen und des persönlichen Miteinanders. In einigen Seminaren der Fakultät Staatswissenschaften passen die Studierenden kaum noch in den Raum. Die Univativ hat die Zahlen ausgewertet – und sie sind ernüchternd.
95 Studierende. Eingeschrieben in ein einziges Modul. Nicht in einem Einführungskurs der Wirtschaftswissenschaften, nicht in einer Massenvorlesung – sondern in „Politik und Regierungen in der BRD“ an der Fakultät Staatswissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg, Kurskennung Ma-PoWi 1, gelehrt von Vertretungsprofessorin (04 bis 09/2026) Anna-Sophie Heinze. Fairerweise muss man dazusagen: Das Seminar ist in zwei Gruppen aufgeteilt, die jeweils im zweiwöchigen Rhythmus tagen – Gruppe A und Gruppe B, jede mit rund 47 Teilnehmenden. Das ist organisatorisch cleverer als eine einzige Mammutveranstaltung. Aber es löst das eigentliche Problem nicht. 47 Personen in einem Seminar – das ist immer noch fast doppelt so viel wie der Richtwert für gute Lehre. Zu dem Seminar kommt noch von der gleichen Lehrenden eine Vorlesung „Das deutsche Regierungssystem im europäischen Kontext“ die wöchentlich stattfindet.
Die Leuphana vermarktet sich in Broschüren, auf Messen und auf ihrer Website seit Jahren mit einem klaren Versprechen: keine Massenuniversität. Kleine Gruppen, persönlicher Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden, eine Atmosphäre, in der echtes Lernen möglich ist. Es sind Bilder, die Erstsemester anlocken und Eltern beruhigen. Aber was passiert, wenn die Realität dieses Bild konterkariert – nicht vereinzelt, sondern strukturell?
Die Zahlen sprechen für sich
Die Univativ hat eine (nicht repräsentative und unvollständige) Übersicht der Seminare an der Fakultät Staatswissenschaften ausgewertet, in der Teilnehmendenzahlen (größer gleich 35) ausgewiesen wurden. Dies Betrifft die Studiengänge Public Affairs and Democracy (künftiger Name: Politics & Democracy), Public Affairs and Economics (künftiger Name: Economics and Transformation), Major Rechtswissenschaften, Major Politikwissenschaften und das Masterprogramm Governance & Law: Rechtswissenschaft (LL.M.). Die Daten stammen aus den Anmeldezahlen in myCampus mit Stand Ende April 2026.
Das Ergebnis ist eindeutig: Seminare mit mehr als 35 Personen sind keine Ausnahme, sondern die Regel – zumindest in bestimmten Modulbereichen. In der erziehungswissenschaftlichen und didaktischen Literatur gilt ein Richtwert von 15 bis 25 Personen als ideal für interaktive Lehrformate. Über 30 Teilnehmende gelten bereits als herausfordernd. Über 40 als problematisch. Über 60 oder 90 – das ist eine andere Kategorie.
| Lfd | Name | Dozent:in | Kurzbezeichnung | TN |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Experimental Methods | Prof. Mario Mechtel | Ma-PAE-2a | 52 |
| 2 | Qualitative Methods | Prof. Tobias Lenz | Ma-PAD-2a | 64 |
| 3 | How to Finance the State | Prof. Lukas Hakelberg | Ma-PAD-2d | 43 |
| 4 | Migration Policy and Democracy | Daniele Saracino | Ma-PAD-2c | 36 |
| 5 | Vertiefung: Angewandte quantiative Methoden der Politikwissenschaft A | Prof. Sarah Engler | Ma-PoWi 2a | 40 |
| 6 | Vertiefung: Angewandte quantiative Methoden der Politikwissenschaft B | Prof. Sarah Engler | Ma-PoWi 2a | 26 |
| 7 | Vertiefung: Angewandte quantiative Methoden der Politikwissenschaft C | Prof. Sarah Engler | Ma-PoWi 2a | 26 |
| 8 | Einführung Politikfeldanalyse | Prof. Natascha Zaun | Ma-PoWi 13 | 75 |
| 9 | Vertiefung: Politische Soziologie / Politische Kultur | Agnieszka Turska-Kawa | Ma-PoWi 9a | 37 |
| 10 | Politik und Regierungen in der BRD (A+B) | Prof. Anna-Sophie Heinze | Ma-PoWi 1 | 95 |
| 11 | Vertiefung: Politische Theorie und Ideengeschichte | Aanor Roland und Sarah Jeanne | Ma-PoWi 11b | 35 |
| 12 | Internationale Beziehungen | Wolfgang Minatti | Ma-PoWi 5 | 42 |
| 13 | Cases and Methods: Öffentliches Recht | Andreas Gutmann | Ma-ReWi 6 | 48 |
| 14 | Cases and Methods: Strafrecht | Daria Bayer | Ma-Rewi 5 | 54 |
Einordnung
Als Richtwert gilt: 15–25 Teilnehmende sind ideal für interaktive Seminarformate. Ab 30 wird es herausfordernd, ab 40 problematisch. Seminare mit über 50 Personen können das Format des Seminars kaum noch einlösen – sie werden de facto zur Vorlesung.
Was ein Seminar eigentlich machen soll
Die Unterscheidung zwischen Seminar und Vorlesung ist keine Spitzfindigkeit. Vorlesungen sind Frontalformate – eine Person spricht, viele hören zu. Seminare dagegen sind konzipiert als interaktive Lehrformate: Diskussion, Gruppenarbeit, Rückmeldung, individuelle Betreuung. All das setzt eine Gruppengröße voraus, in der eine Lehrperson noch erkennt, wer spricht, und in der Studierende das Gefühl haben, gehört zu werden. Ab einer bestimmten Zahl – die Fachliteratur spricht von etwa 25 bis 30 – kippt dieses Gleichgewicht. Was als Seminar angekündigt wurde, wird zu einer Veranstaltung, in der Wortmeldungen selten sind, Gruppenarbeiten chaotisch werden und Dozent:innen keine Möglichkeit mehr haben, individuell auf Studierende einzugehen.
Das ist keine abstrakte Kritik. Wer in einem Seminar mit 47 Personen sitzt – und das wohlgemerkt nur zweiwöchentlich – und eine Frage stellen möchte, überlegt zweimal. Wer eine Seminararbeit schreibt und Feedback haben möchte, wartet länger. Wer erwartet, dass die Lehrperson den eigenen Beitrag im Blick hat – wird enttäuscht sein. Das betrifft nicht nur die Qualität der eigenen Lernerfahrung, sondern auch die Dozent:innen, die unter diesen Bedingungen arbeiten müssen. Seminare mit 47, 64 oder 75 Teilnehmenden bedeuten nicht nur mehr Arbeit – sie bedeuten eine strukturell andere Aufgabe, für die das Seminarformat schlicht nicht gedacht ist.
Woran liegt das?
Die Ursachen sind vielschichtig. Einige Veranstaltungen sind offenkundig Pflichtmodule, in die ein Großteil eines Jahrgangs eingeschrieben werden muss – und für die es nicht genügend parallele Seminargruppen gibt. Andere Module sind so populär oder so eng gefasst, dass Studierende keine echte Alternative haben. Das Beispiel „Politik und Regierungen in der BRD“ zeigt, dass die Leuphana durchaus Wege findet, Gruppen aufzuteilen – die zweiwöchentliche A-B-Rotation ist eine solche Maßnahme. Aber sie ist ein Pflaster, kein Heilmittel. Wenn 47 Personen als pragmatische Lösung gelten, dann sagt das viel über den Ausgangsdruck aus, unter dem die Lehrplanung steht. Und: Leuphana-Studierende wissen, dass nicht jedes Seminar eines ist. Wer einmal in einer Veranstaltung mit deutlich zu vielen Personen gesessen hat, passt seine Erwartungen an – und das ist das eigentliche Problem. Wenn Überfüllung zur Normalität wird, hört man auf, sie als Problem zu benennen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage nach den Ressourcen. Seminare zu teilen kostet: Lehrpersonal, Räume, Koordinationsaufwand. Wenn eine Universität wächst – oder die Zahl der Studierenden in einzelnen Fakultäten zunimmt –, ohne dass die Lehrkapazitäten proportional mitwachsen, entstehen genau solche Konstellationen. Es ist kein Versagen einzelner Dozent:innen, die oft selbst keine Wahl haben, wen sie in ihre Veranstaltungen einlassen oder wie viele Parallelkurse angeboten werden. Es ist ein strukturelles Problem – und damit eine Frage, die die Universitätsleitung beantworten muss.
Was die Leuphana dazu sagt
Die Univativ hat die Pressestelle der Leuphana mit den Zahlen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Die Antwort kam und sie fällt deutlich gelassener aus, als es die Tabelle vermuten lässt.
Die volle Auslastung der Studiengänge sei zunächst einmal ein gutes Zeichen, so die Pressestelle. Alle von der Fakultät Staatswissenschaften am College und an der Graduate School angebotenen Programme seien stark nachgefragt und entsprechend ausgelastet. Die Seminargrößen entsprächen dabei – von normalen Schwankungen abgesehen – grundsätzlich den Kapazitäten, die das Land Niedersachsen für die Fächer Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre vorgibt.
Auf die Frage nach verbindlichen Obergrenzen für Seminare antwortet die Universität klar: Die gebe es nicht. Die Teilnehmendenzahl ergebe sich aus den Lehrkapazitäten, die einem Studiengang zur Verfügung stehen. Aus diesen Kapazitäten werde nach den Vorgaben des Landes die Zahl der Studienplätze errechnet – die Studienplätze entsprechen also den Lehrkapazitäten. Wie diese Kapazitäten dann auf einzelne Veranstaltungen verteilt werden, richte sich nach dem didaktischen Konzept des jeweiligen Studiengangs, nicht nach festen Personenzahlen.
Stellungnahme der Pressestelle:
Die vollständige Auslastung sei „Ausdruck der Attraktivität“ des Studienangebots und damit „vor allem ein positives Signal“. Eine pauschale Aussage zu den Teilnehmendenzahlen einzelner Veranstaltungen sei jedoch nicht zielführend – die Gründe für volle Seminare seien zu unterschiedlich.
Tatenlos, das betont die Pressestelle, ist die Fakultät nicht. Für den Fall, dass einzelne Veranstaltungen voller werden als geplant, stünden grundsätzlich Mittel bereit, um zusätzliche Lehrende für Gruppenteilungen zu beauftragen. Ob das im Einzelfall sinnvoll oder nötig sei, entscheide das jeweils zuständige Studiendekanat. Zudem werde die Lehrplanung laufend anhand von Erfahrungswerten angepasst: Zeige sich, dass eine Veranstaltung stark besucht ist, fließe das in die Planung der kommenden Semester ein. Konkret nennt die Universität zwei Beispiele – für den Master Rechtswissenschaft ist ab dem Wintersemester 2027/28 eine Diversifizierung der Schwerpunktbereiche geplant, um die Zahl der Teilnehmenden pro Seminar zu senken. Und auch die neuen Masterprogramme „Economics and Transformation“ sowie „Politics and Democracy“ hätten in der Planung bereits auf hohe Zahlen in einzelnen Veranstaltungen reagiert.
Bleibt die Frage nach den Zahlen selbst. Hier setzt die Pressestelle einen Einwand, der ernst genommen werden muss: Ein reiner „Snapshot“-Blick auf Anmeldezahlen könne verzerren. Studierende meldeten sich zu Semesterbeginn für Veranstaltungen an, meldeten sich aber nicht wieder ab, wenn sie sich gegen einen regelmäßigen Besuch entscheiden. Gerade in den neuen Masterprogrammen und in Modulen, die sich mehrere Studiengänge teilen, habe die Fakultät erst Erfahrungen sammeln müssen, welche Module besonders nachgefragt sind. In der laufenden Lehrkoordination für das kommende Wintersemester sollen entsprechende Anpassungen bereits berücksichtigt werden.
Der Einwand ist berechtigt – und doch begrenzt. Dass sich nicht alle Angemeldeten tatsächlich in den Seminarraum setzen, ist plausibel. Aber er erklärt nicht jede Zahl in der Tabelle. Ein Seminar mit 64 oder 75 Anmeldungen schrumpft durch Karteileichen kaum auf die vom didaktischen Ideal geforderten 20. Und der Hinweis, dass volle Kurse „ein positives Signal“ seien, beantwortet die Frage nicht, die sich Studierende im überfüllten Raum stellen: Was nützt mir die Attraktivität meines Studiengangs, wenn ich in der Diskussion nicht zu Wort komme?
Das Versprechen und die Realität
Es wäre einfach, die Leuphana hier bloß zu kritisieren. Aber es lohnt sich, das Versprechen ernst zu nehmen. Wer eine Universität mit dem Claim der kleinen Gruppen und der persönlichen Lehr-Lern-Atmosphäre bewirbt, setzt sich bewusst einen Maßstab. Dieser Maßstab ist nachvollziehbar, er ist gut – und er ist anspruchsvoll. Wenn die Realität hinter ihm zurückbleibt, ist das keine Kleinigkeit, sondern ein Problem der Glaubwürdigkeit. Und: ein Problem für alle Beteiligten.
Die Frage, die sich die Leuphana stellen muss, lautet: Wie viele Studierende kann man in ein Seminar setzen, ohne dass es kein Seminar mehr ist? Die Antwort findet sich nicht in Imagebroschüren. Sie findet sich in den Teilnehmendenzahlen – und die sprechen, wie die Auswertung der Univativ zeigt, für sich.
Die Bitte für eine Stellungnahme vom 23. April 2026 der Leuphana Universität Lüneburg ging der Univativ am 2. Juni 2026 zu und ist in diesen Artikel eingearbeitet.
Ein Follow-Up Artikel zu dem Thema ist am 22. Juni 2026 erschienen: Volle Seminare an der Leuphana: Das Land sagt, dafür sei die Uni zuständig.
Bild: Foto von Sincerely Media auf Unsplash
